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Medienprojekt „Zeitzeugen“ : Die Zeitung von gestern

Das beherrschende Thema am 31. Januar 1933: Hitler ist soeben an die Macht gekommen Bild: AP

Ein Jahr lang will „Zeitzeugen“ im Wochenrhythmus je drei Nachdrucke von Tageszeitungen der dreißiger und vierziger Jahre veröffentlichen, ergänzt um Hintergrundinformationen und Einschätzungen von Experten.

          Am 31. Januar 1933 meldet die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ ein „Anwachsen der Grippewelle“ in Berlin; auch in Köln und Mannheim, heißt es, hätten die Erkrankungen zugenommen. Beim Reichspresseball wurden Marlene Dietrich, Fritz Lang und Gustaf Gründgens gesichtet; in der „Gesellschaft für Höhlenforschung“ hielt Ida Hahn einen Vortrag über den Speiseplan der Steinzeitmenschen („morgens Biersuppe, mittags Mehlbrei“). Aber die Meldung des Tages ist der Regierungswechsel in Deutschland: „Die erste Sitzung des Kabinetts Hitler“ bildet die Schlagzeile, darunter räsoniert Chefredakteur Fritz Klein über den „Sprung ins Dunkle“, der einmal habe gewagt werden müssen. Dennoch betrachtet Klein Hitlers Aufstieg mit Sorge: „Ihn zu ernennen ist verhältnismäßig leicht, nicht aber, ihn wieder zu stürzen.“ Noch im selben Jahr wird Klein auf Betreiben der neuen Machthaber entlassen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die „Deutsche Allgemeine“ vom Tag nach Hitlers Kanzlerschaft ist eines von Dutzenden Faksimiles historischer Zeitungsausgaben, mit denen der Londoner Verleger Peter McGee den deutschen Zeitschriftenmarkt erobern will. Sein Projekt „Zeitungszeugen“ folgt einem Rezept, das McGee schon in Belgien, Spanien, Finnland und fünf anderen europäischen Ländern erfolgreich ausprobiert hat: Ein Jahr lang werden im Wochenrhythmus je drei Nachdrucke von Tageszeitungen der dreißiger und vierziger Jahre veröffentlicht, eingepackt in einen Mantelteil mit Hintergrundinformationen und Einschätzungen von Experten. In Spanien begann die Reihe mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 1936, in Österreich mit dem „Anschluss“ ans Deutsche Reich; bei allen Projekten, so auch in Deutschland, setzte das Ende des Zweiten Weltkriegs den Schlusspunkt.

          Man wird zum staunenden Mitleser der Geschichte

          Für seine „Zeitungszeugen“, die von der Wiener Historikerin Sandra Paweronschitz redigiert werden, hat sich McGee die Mithilfe namhafter Fachleute gesichert: So sitzen die Holocaustforscher Wolfgang Benz und Peter Longerich, der Militärgeschichtler Sönke Neitzel und der Emeritus Hans Mommsen im Beirat der neuen Publikation. Mommsen war es auch, der das Projekt bei seiner Präsentation in Berlin gegen den aus Hamburg angereisten Skeptiker Ralph Giordano zu verteidigen hatte. Das war nicht schwer, denn auch Giordano findet die Idee der „Zeitungszeugen“ eigentlich bestechend; er sieht nur ein „Restrisiko“, falls die Reprints des „Völkischen Beobachters“ und der SS-Zeitung „Das Reich“ in die Hände von Neonazis geraten. Für McGee und seine Redakteurin ist dieses Risiko kein echtes Hindernis, und der Dortmunder Medienhistoriker Hans Pöttker sprang ihnen mit der Bemerkung bei, die rechte Szene fände in den Originaldokumenten sicher wenig, was „zur Bestätigung ihrer kruden Parolen“ tauge.

          Die an diesem Donnerstag erscheinende erste Ausgabe der „Zeitungszeugen“, die neben der „Deutschen Allgemeinen“ Faksimiles des kommunistischen „Kämpfers“ und des nationalsozialistischen Parteiblatts „Der Angriff“ enthält, löst McGees Versprechen einer Geschichtslektion aus erster Hand ein: Man blättert vor und zurück, vergleicht Meldungen und Kommentare und wird zum staunenden Mitleser der Geschichte. Eine kommerzielle Prognose für das Projekt ist dennoch unsicher. Im Jubiläumsjahr 2009 könnten die Deutschen andere Themen im Kopf haben als das „Dritte Reich“. In den kommenden Wochen wird sich entscheiden, ob die „Zeitungszeugen“ ein Sammlerstück werden oder ein Flop.

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