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ARD-Chef Ulrich Wilhelm : Medienplattform soll Gegner zu Verbündeten machen

Hat Visionen: Ulrich Wilhelm, ARD-Vorsitzender und Intendant des BR, spricht auf dem Zeitungskongress des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Bild: dpa

Der ARD-Chef wirbt für ein Mega-Portal im Netz, das den Öffentlich-Rechtlichen und den Verlagen gleichermaßen dienlich sein soll. Mal wird es als europäisches Youtube heraufbeschworen, mal als deutsches Google, mal ist es alles zusammen. Eine Einordnung.

          Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Gefechtslagen. Der Gegner von gestern ist der Verbündete von heute. Wie das gehen kann, zeigt der Stimmungsumschwung zwischen Verlagen und dem öffentlichen-rechtlichen Rundfunk auf Schönste. War im vergangenen Jahr auf dem vom Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV) ausgerichteten Zeitungskongress Krawall angesagt, herrscht diesmal Friede, Freude, Schulterschluss. Verantwortlich sind für diesen Gleichklang zwei, die zuvor keinem Klingenkreuzen aus dem Weg gingen, und ein großer Plan, von dem Medienmacher in Deutschland und Europa seit mehr als einem Jahrzehnt träumen.

          Der Plan lautet: Wir brauchen im Internet eine Plattform, die Google, Facebook und Youtube paroli bietet. Mit der Idee geht der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, hausieren, seit er zu Jahresbeginn ARD-Vorsitzender wurde. Er wurde damit in Berlin und Paris vorstellig, in Brüssel, bei der Politik, bei Sendern und Medienhäusern. Sie alle nämlich muss er zu Verbündeten machen, soll aus der Idee etwas werden. Wilhelm schwebt nicht weniger vor, als dass alle (wer diese „alle“ sind, würde man freilich noch sehen) mitmachen beim großen Anti-Google-Facebook-Ding, für das er Startkosten von fünfzig Millionen Euro veranschlagt, die aus öffentlichem Geld kommen sollen, aber nicht vom Staat, sondern von einer Stiftung oder aus Fördermitteln öffentlicher Banken.

          So etwas wie die Deutsche Presse-Agentur

          Gefragt sei „eine Plattform, die nach unseren Werten ausgerichtet ist“, sagte Wilhelm auf dem Zeitungskongress in Berlin. Auf ihr finden sollten sich die öffentlich-rechtlichen und private Sender, Verlage, aber auch Institutionen aus Kultur und Wissenschaft. Die Plattform solle zwar eine gemeinsame sein, doch solle diese ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle ermöglichen. In einem ersten Schritt könne man ein Portal errichten mit Videos öffentlich-rechtlicher Sender und weiteren Inhalten von Presseverlagen, die damit sogar zusätzliche Einnahmen erzielen könnten. Bei der Form des Gemeinschaftsunternehmens denkt Wilhelm an so etwas wie die Deutsche Presse-Agentur, an der die deutschen Presseverlage als Gesellschafter ebenso beteiligt sind wie die öffentlich-rechtlichen Sender.

          Bei Mathias Döpfner, dem Springer-Vorstandsvorsitzenden und Präsidenten des BDZV, rennt Wilhelm damit zunächst eine offene Tür ein: Er habe von Beginn an gesagt, „dass wir diese Initiative für grundsätzlich absolut richtig halten. Genau so etwas braucht es“. Doch gebe es ein grundsätzliches Problem – „das der Systemvermischung“. Wie lassen sich Öffentlich-Rechtliche und Private unter einen Hut bringen, ohne dass das duale Mediensystem verloren geht? Doch wo ein Wille sei, könne es Lösungen geben.

          Das klingt ganz anders als im vergangenen Jahr, als Döpfner ein zu gewaltiges Ausgreifen der Öffentlich-Rechtlichen mit Texten im Internet warnte, womit sie es der unabhängigen Presse unmöglich machten, mit ihren Angeboten im Netz Geld zu verdienen. Döpfner warnte vor einer quasi staatlichen Presse und bemühte als Zerrbild, das niemand haben wolle, Nord-Korea. Manche Kritiker zogen den Kurzschluss, er habe die hiesige Lage mit der im Lande von Kim Jong-un gleichgesetzt.

          Wer „darf“ bei der Euro-Sause mitmachen?

          Doch zwischen dem Zeitungskongress in Stuttgart im September vor einem Jahr und dem jetzigen in Berlin hat sich einiges getan. ARD, ZDF, Deutschlandradio und BDZV haben vor dem Hintergrund, dass die Bundesländer gerade einen neuen Rundfunkstaatsvertrag vorbereiten, eine Einigung darüber erzielt, was die Öffentlich-Rechtlichen an Texten ins Netz bringen dürfen und was nicht. Die Angebote sollen weniger textlastig sein – dabei geht es vor allem um die ARD, kaum ums ZDF –, in Zweifelsfällen soll eine Schiedsstelle entscheiden. Besonders konkret ist die Einigung nicht, wie sie sich niederschlägt, ob sie operabel ist, steht in den Sternen. Doch es ist ein Anfang, dem Ulrich Wilhelm weitere Taten folgen lassen will.

          Wohin diese führen, sollten sich die Verlage allerdings gründlich überlegen. Denn gibt es ein „gemeinsames“ Angebot von öffentlich-rechtlichen Anstalten, die vom Rundfunkbeitrag finanziert werden, und von privaten Verlagen, können diese ihre Versuche, mit Inhalten im Netz Geld zu verdienen, einstellen. Wer wird sich, gibt es erst Wilhelms großes Ding mit dem Euro-Algorithmus, für die Presseportale noch interessieren, sie gar abonnieren? Wer „darf“ bei der Euro-Sause mitmachen und wer nicht? Was sagt das Kartellamt? Was sagen die Rundfunkgremien? Wer bestimmt über die Inhalte? Wie bleiben Staat und Politik außen vor? Wer programmiert, wer hat die Hand am Algorithmus? Und was ist das überhaupt – eine Suchmaschine und Werbeschleuder wie Google, ein Netzwerk wie Facebook, ein Videoportal wie Youtube oder ein digitaler Presse-Kiosk? Da ist noch vieles im Ungefähren und gibt es Klippen, für die Öffentlich-rechtlichen genauso wie für die Verlage. Die sollten sich fragen, ob Ulrich Wilhelms große Geste nicht ein Danaer-Geschenk ist.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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