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Medienphänomen : Die Magazinmacher leiden unter dem wahren Burnout

Erst kommt der Burnout, dann starten wir wieder durch: „Focus“, „Spiegel“, „Stern“ und „Zeit“ brennen darauf, mit von der Partie zu sein Bild: Philip Lisowski

Ein medizinisch leerer Modebegriff macht Karriere, ganz gleich, was die Fachleute sagen. Das Problem bei der Sache: Es gibt eine Diskrepanz zwischen tatsächlichem und medial inszeniertem Leid.

          Ausgebrannt - was immer dieser Begriff differentialdiagnostisch (nicht) zu leisten vermag, so lässt sich doch sagen: Es handelt sich um eine Metapher, die an Drastik kaum zu überbieten ist, weil hier der Ausgebrannte als Aschehaufen firmiert, in dem soeben der letzte Funke verglüht. Unseren Müttern und Vätern stand ein derart eindringliches, die Hölle in unser Inneres verlegendes Sprachbild noch nicht zu Gebote, als sie sich müde, erschöpft oder überfordert fühlten - und mit diesen unspektakulären Begriffen ihr Unwohlsein benennen mussten.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Richtig ist, dass sich seitdem die Verhältnisse nicht nur sprachlich, sondern auch sozialpolitisch geändert haben. Wir leben in Zeiten prekärer Arbeitsverhältnisse, in denen es wie nie zuvor um Empowerment geht, jene organisationspsychologische Leitidee, die die Verschmelzung von persönlicher Identität und Leistungssteigerung vorsieht. Insoweit trifft der mediale Dauerbrenner des Ausgebranntseins auch Wirklichkeit und dient nicht nur einer Selbstbestätigung der Leser, die sich mit schickem neuem Narrativ nun gegenseitig von ihren Depressionen erzählen können.

          Wobei man sagen muss, dass in Abwandlung von Mathias Döpfners thermodynamischem Grundgesetz Burnout derzeit im selben Medienlift nach unten fährt, mit dem es zuvor nach oben fuhr. Im "Spiegel", der wie "Focus" und viele andere Magazine zuvor mit mehreren Titelgeschichten Burnout dramatisierte, ist jetzt Entdramatisierung angesagt. Die aktuelle Ausgabe lässt Mediziner zu Wort kommen, die Burnout einen medizinisch leeren Begriff nennen und vor der Seelenindustrie warnen, die sich rund um die Modediagnose angesiedelt habe: "Nicht nur Ärzte und Psychologen, sondern auch Heilpraktiker, Wellness-Hoteliers und Urschrei-Therapeuten spezialisieren sich auf die neue Klientel." Und all das, obwohl Burnout im medizinischen Sinne gar keine Diagnose sei, sondern in einem Teil der Fälle nur ein neues Wort für Depression. Der - man muss wohl ergänzen: medial verführte - Volksmund aber interpretiere das völlig anders und verstehe darunter eine scheinbar neue und eigenständige Krankheit, charakterisiert durch pathologische Erschöpfung im Beruf.

          Das Subjekt wird zum Patienten

          Der Sinneswandel in der Magazinlandschaft geht einher mit der Dekonstruktion des Burnout-Syndroms aus medizinsoziologischer Sicht, wie sie etwa der Klinikleiter Markus Pawelzik im neuen "Merkur" durchführt. Dort heißt es: "Die ursprüngliche Idee, Burnout als eine Art berufsbedingter psychischer Störung zu etablieren, die insbesondere durch zu hohe Arbeitsüberlastung und eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten verursacht sei, kann als gescheitert gelten. Es besteht noch nicht einmal ein Anfangsverdacht, dass es sich um einen ätiologisch oder pathogenetisch spezifischen Prozess handelt." Dabei möchte auch ein Burnout-Kritiker wie Pawelzik die überfordernden Verhältnisse dort nicht bestreiten, wo sie existieren. "Nur führen diese nicht zu einer psychischen Störung namens Burnout, sondern bei ausbleibender Gegenwehr zu anhaltender Erschöpfung, die wiederum in entsprechend disponierten Individuen zu einschlägigen psychischen Störungen führen kann."

          Der Medizinsoziologe David Mechanik ist, wie Pawelzik schreibt, schon vor mehr als fünfzig Jahren der Frage nachgegangen, wie der Prozess von einer subjektiven Beeinträchtigung ("Warum bin ich bloß so müde und erschöpft?") vom Patienten, der sich entschließt, zum Arzt zu gehen ("Vielleicht bin ich krank? Ich muss morgen einen Termin bei Dr. Müller machen!"), zu verstehen ist. Eine Schlüsselfrage in unserem Zusammenhang, nicht zuletzt, weil die Zunahme psychischer Beschwerden in den Statistiken der Krankenkassen nicht unabhängig von den Arztbesuchen zu sehen ist - letztere sind vielmehr die statistische Zähleinheit. Nicht auszuschließen ist, dass im Burnout-Passepartout weniger die Beschwerden, sondern die Arztbesuche zunehmen. Anders als die befürchtete Diagnose Depression ist der erwartete Befund Burnout geeignet, die Schwelle zum Arztbesuch zu senken.

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