https://www.faz.net/-gqz-73vqs

Medienmacht der Politik : Echte Strategen machen es anders

Allzu direkte Angriffe auf die Medien führen nicht zum Ziel: Die Silhouetten von Hans Michael Strepp und Horst Seehofer Bild: dpa

CSU-Sprecher Hans Michael Strepp hat auf plumpe Weise versucht, das ZDF unter Druck zu setzen. Wer wirklich Einfluss nehmen will, tut das an anderer Stelle.

          2 Min.

          Ein geschickter Strippenzieher ist Hans Michael Strepp nicht. Denn sonst hätte er sich nicht an die Strippe gehängt, um einem Nachrichtenredakteur des ZDF weismachen zu wollen, es gebe über den Parteitag der bayerischen SPD nichts zu berichten. Die damit verbundene Absicht - Einfluss nehmen, Zensur ausüben - stritten Strepp und der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt am Mittwoch noch ab, tags darauf trat Strepp zurück.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Intention des Anrufs sei eindeutig gewesen, sagte zuerst der ZDF-Chefredakteur Peter Frey, sagte dann der Intendant Thomas Bellut und ergänzte: „Das ZDF lässt keine politische Einflussnahme auf seine Sendungen zu.“ Quod erat demonstrandum, könnte man sagen: Ein Politiker ruft einen ZDF-Nachrichtenredakteur im Großraumbüro an, damit es auch ja alle mitkriegen, und lässt durchblicken, dass über den politischen Gegner besser nicht berichtet werde.

          Er ruft auch noch das Münchner Büro des Senders an und einen Korrespondenten des Bayerischen Rundfunks, nur um die Berichterstattung über die Konkurrenz zu unterbinden, die man den Umfragen nach gerade weit hinter sich lässt. Und natürlich wird berichtet, zuerst im Fernsehen über die SPD und dann allüberall über die Affäre. Mehr Unabhängigkeit geht nicht. Und mehr brutalstmögliche Eselei auch nicht.

          Bärendienst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

          Was für eine Vorlage, was für eine Gelegenheit, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in puncto „politische Einflussnahme“ in ein milderes Licht zu rücken, als es angebracht ist. Denn selbstverständlich nimmt die Politik, nehmen die Parteien, die Regierungen in Land und Bund Einfluss - und zwar alle. In den Aufsichtsgremien und nicht zuletzt im Verwaltungsrat des ZDF, in dem sich unter Vorsitz von Kurt Beck fünf Ministerpräsidenten versammeln, darunter auch Horst Seehofer. Wer wirklich Einfluss nehmen will auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der setzt hier an, im persönlichen Gespräch mit den Chefs und - vor allem - bei der Bestellung des Spitzenpersonals, in der Hoffnung, dass sich die Dinge dann von allein regeln.

          Im Falle des Unionskomplotts gegen den früheren ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ist das eskaliert und einmal offen zutage getreten. Ein Parteisprecher hingegen, der auf derart plumpe Weise vorgeht, die alle, die den CSU-Mann Strepp kennen, ihm gar nicht zutrauen und nicht erklären können, tut dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk den denkbar größten Gefallen.

          Ein paar Tage zuvor hatte sich das ZDF noch dafür entschuldigen müssen, dass im „heute journal“ fehlerhafte Bilder zum Europa-Schlagabtausch zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück im Bundestag aufgetaucht waren - gezeigt wurde ein gestikulierender Jürgen Trittin, der aber nicht, wie es im Text hieß, auf Steinbrück reagierte, sondern auf Rainer Brüderle.

          Doch das ist schon der Schnee aus dem Schneideraum von gestern. Heute gilt: Der Angriff der Politik wurde abgewehrt. Auch wenn es nur ein plumpes Manöver war. Die echten Strategen machen das anders.

          Weitere Themen

          Die Partei der modernen Mitte

          FAZ Plus Artikel: Essay von Norbert Röttgen : Die Partei der modernen Mitte

          Wir stehen vor der Aufgabe, am Beginn eines Jahrzehnts, in dem wir Zeugen dramatischer Veränderungen sein werden, uns aus unserer Identität und unseren Werten heraus für eine neue Zeit neu zu begründen und neu zu legitimieren. Ein Essay.

          „I Am Greta“ Video-Seite öffnen

          Filmtrailer : „I Am Greta“

          „I Am Greta“ läuft seit Freitag, den 16. Oktober, in den deutschen Kinos.

          Alles Theater

          Michael Gambon wird 80 : Alles Theater

          Von Beckett bis „Harry Potter“ ist er als Mann des intuitiven Handwerks zu sehen: Dem Schauspieler Michael Gambon zum Achtzigsten Geburtstag.

          Topmeldungen

          Impfen gegen Corona : „Das wird noch einige Jahre dauern, fürchte ich“

          Bis zu 1,4 Milliarden Impfdosen will Biontec bis Ende 2021 herstellen. Aber wie lange dauert es, bis die Menschheit geimpft ist? Aufsichtsratschef Helmut Jeggle spricht im Interview über den Corona-Impfstoff seiner Firma und den Hype, den dieser an der Börse ausgelöst hat.
          Der größte kollektive Wert, den Städte in Zukunft produzieren, sind Daten, sagt Francesca Bria. Sie sind Milliarden wert; wer sie besitzt, regiert.

          Francesca Bria im Interview : Holt euch eure Daten zurück!

          Francesca Bria gehört zu den wichtigsten Vordenkerinnen des Digitalzeitalters. Sie berät die Europäische Union und die Vereinten Nationen. Hier stellt sie ihren Plan für eine neue Stadt- und Gesellschaftspolitik vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.