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Medienkritik : Ein Wundermittel aus dem Geist der Pharmakritik

  • -Aktualisiert am

Entgleiste Kritik an der Pharmaindustrie: Klaus Martens Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Dokumentarfilmer Klaus Martens dreht einen Film über eine Hautcreme, in dem er deren Wunderwirkung anpreist. Am Tag nach der Sendung kommt das Präparat auf den Markt. Jetzt wundert er sich, dass sein Film als Teil einer gewaltigen Marketingkampagne gesehen wird.

          Vielleicht war es wirklich so, dass Klaus Martens nicht im Traum daran gedacht hat, dass sein Film eine solche Resonanz auslösen könnte. Martens arbeitet seit vielen Jahren als Dokumentarfilmer beim WDR, er kennt die Erfahrung, als Journalist über ein brisantes Thema zu berichten und dann doch nichts zu bewegen. Vielleicht dachte er wirklich, er hätte nur ein Stück gemacht über die Macht der Pharmakonzerne und ihren Missbrauch – mit einem konkreten, sehr anschaulichen Beispiel: einer Vitamincreme, die Linderung bei Neurodermitis und Schuppenflechte verspricht, aber bislang nicht auf den Markt gekommen ist. Vielleicht hat er wirklich nicht gemerkt, dass er beim Versuch, diese Geschichte möglichst packend zu erzählen, einen Film gedreht hat, der fahrlässig ein Wundermittel verspricht. „Es besteht kein Zweifel an der Wirksamkeit auf der Haut von Millionen Menschen“, heißt es wörtlich in dem Film, und die ergreifenden Bilder von kleinen Kindern, die schrecklich an dieser Krankheit leiden, suggerieren, dass sie nicht leiden müssten, wenn nur diese Salbe endlich auf den Markt käme.

          „Heilung unerwünscht“ heißt der Film, der am Montag in der ARD lief, und natürlich hätte Martens wissen müssen, dass er sich nicht wie so viele andere versenden würde, bei schätzungsweise sechs Millionen Menschen, die in Deutschland an Neurodermitis leiden. Er zeigt Menschen, die für eine kurze Zeit die Salbe ausprobieren konnten, wie sie begeistert die ersten Erfolge vorführen und verzweifelt sind, als sie erfahren, dass sie die Salbe trotzdem nicht weiter nehmen können, weil es keine mehr gibt. Sie wirken wie Junkies, denen ihr Stoff vorenthalten wird. Und am Tag nach der Ausstrahlung gibt eine Firma bekannt, dass sie das Mittel nun auf den Markt bringen wird.

          „Tief verletzt“

          Klaus Martens sagt, dass er das nicht wusste. Er habe nur gewusst, was auch der Film noch zeigt, der viele Wochen lang fertig auf einen Sendeplatz gewartet habe: dass es hoffnungsvolle Gespräche mit Investoren gegeben habe. Er freut sich, dass das Mittel, dessen „unglaubliche Wirkung“ er mit eigenen Augen gesehen habe, nun auf den Markt komme. Aber der Vorwurf, dass sein Film (und ein Buch, das in wenigen Tagen erscheint) Teil einer gewaltigen Marketingkampagne sei oder er gar wirtschaftlich von dem Vertrieb des Mittels profitiere – der habe ihn „richtig tief verletzt“.

          Für diese Unterstellung gibt es auch keinen Beleg. Aber die Massivität der Kritik und der Verdächtigungen ist die fast logische Überreaktion auf einen Film, der seine Geschichte ganz in Schwarz-Weiß malt, und einer Berichterstattung in den Medien, von der Katholischen Nachrichtenagentur über die „Süddeutsche Zeitung“ bis hin zu „Spiegel Online“, die diese Darstellung zunächst einfach ungeprüft übernommen haben.

          Verfehlte Strategie

          Am Mittwoch, als im Internet vor allem dank des Medizinblogs „Stationäre Aufnahme“ (gesundheit.blogger.de) längst die Behauptungen Stück für Stück demontiert wurden, verstärkte ausgerechnet „Hart aber fair“ im WDR noch den Eindruck, es gehe um Werbung für eine Salbe und nicht um Journalismus. Anstatt Belege zu differenzieren und die Kritik aufzugreifen, nutzte Frank Plasberg die traurigen Kinderbilder zur plumpen Emotionalisierung und behauptete gar, „beste klinische Studien“ hätten die Wirksamkeit der Creme bewiesen; dabei ist die Faktenlage sehr dünn. Die Medizinexperten, die eigentlich zum Thema Schweinegrippe geladen waren, reagierten empört. Dass es kein glücklicher Auftritt war, räumt Martens ein. Inzwischen hat auch Plasberg im „Spiegel“ Fehler zugegeben.

          Martens Hauptfehler war es zu glauben, dass sein Film überzeugender würde, wenn er alle Widersprüche wegließe, alles, was nicht seiner These von der bösen Pharmaindustrie entsprach, die ein wirkungsvolles Mittel aus schlechten Gründen verhindere. Falls diese Strategie je funktioniert hat, ist sie im Internetzeitalter jedenfalls vorbei, wo sich jeder selbst auf die Suche nach Quellen und Widersprüchen machen kann.

          Sogar Journalisten.

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