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Medienkonsum : „Wir sollten uns gegen die Vermüllung unserer Gehirne wehren“

Klicken, swipen, hören, schauen – am liebsten machen wir das alles gleichzeitig. Bild: Reuters

Lesen wir zu viele schlechte Nachrichten? Die Journalistin und Neurowissenschaftlerin Maren Urner behauptet sogar, die Flut an negativen News schade unserer Gesundheit. Ein Interview.

          3 Min.

          Frau Urner, wie haben Sie sich heute Morgen informiert?

          Felix Hooß

          Koordinator für Premium-Inhalte bei FAZ.NET.

          Ich habe relativ strenge Routinen. Morgens fange ich an, Deutschlandfunk zu hören, weil ich dann weiß, wohin sich der tagesaktuelle Diskurs entwickeln wird. Dann konsumiere ich eine Reihe von Newslettern und schaue kurz bei Twitter vorbei, um zu sehen, was allgemeine „Trending Hashtags“ in Deutschland und weltweit sind. Das ist dann meine morgendliche Medienhygiene.

          Was meinen Sie mit Medienhygiene?

          Ich meine damit, dass wir sehr gut darin sind, die Zähne zu putzen, eine gewisse Körper- oder Gesundheitshygiene betreiben und sehr gut überlegen, was wir konsumieren. Wenn es zu unserem Medienkonsum kommt, sind wir allerdings sehr unkritisch. Deshalb sollten wir uns gegen die Vermüllung unserer Gehirne wehren, weil wir alles an unser Gehirn ranlassen, obwohl das ein sehr sensibles Organ ist und uns dieses Verhalten sehr stark prägt, auf eine Art und Weise, die wir gar nicht immer wollen.

          Wie kommen Sie darauf, dass wir zu unkritisch sind? Viele Menschen hinterfragen ihren Medienkonsum doch genau.

          Zahlreiche Studien und Untersuchungen zeigen: Wir klicken, swipen, hören und schauen am liebsten gleichzeitig mindestens drei verschiedene Dinge. Das passiert meist, ohne dass wir reflektieren, ob uns das, was wir da gerade tun, wirklich weiterbringt. Dazu gehört auch, dass gerade online die meisten Menschen nur die Überschriften lesen. Menschen, die dieses Verhalten bei sich selbst realisieren, tendieren dann teilweise zum anderen Extrem und werden Teil des Achtsamkeits-Hypes und lesen Magazine, die sie beispielsweise zu mehr Ruhe, Yoga und „Im-Moment-Leben“ animieren. Ich beschreibe es gern als „neues Biedermeier“ mit Zutaten wie Marmelade einkochen, Gartenpflege und „Landlust“ lesen.

          Sie behaupten ja, Journalismus sei sowieso nicht objektiv.

          In den Rundfunkstaatsverträgen steht, der Auftrag der Medien sei, die Menschen objektiv zu informieren. Das geht nicht. Selbst wenn wir das gleiche Bild angucken, nehmen wir die Welt unterschiedlich wahr. Das heißt, wir sind keine objektiven Informationsverarbeiter. Und auf der anderen Seite der Kette sind Journalisten keine objektiven Informationsauswähler. Dadurch, dass sie bestimmte Quellen wählen und bestimmte Wörter nutzen, sind sie subjektiv. Stichwort Framing: Spreche ich von Steuern oder von „Gesellschaftsabgabe“. Da mit einer gesteigerten Transparenz und Ehrlichkeit dranzugehen, halte ich für eine wichtige Forderung an jeden einzelnen Journalisten und jedes Medienhaus. Es wird zu selten konstruktiv berichtet und eingeordnet.

          Fordert einen „konstruktiven Journalismus“: Journalistin und Neurowissenschaftlerin Maren Urner, hier auf einer Online-Konferenz in Köln.

          In Ihrem Buch kritisieren Sie, der Fokus der Berichterstattung sei generell zu negativ. Inwiefern?

          Ganz konkret nachvollziehen können wir das zum Beispiel mit Blick auf die Berichterstattung über den Arbeitsmarkt in Deutschland: Obwohl sich die wirtschaftliche Lage von Ende 2000 bis Ende 2008 signifikant verbessert hatte, fanden Wissenschaftler im Wirtschaftsteil der „Welt“ zwanzigmal so viele negative Beiträge zur Situation des Arbeitsmarktes wie positive. Ein weiterer Faktor beim Hang zum Negativen ist übrigens die Geschlechterverteilung in den Chefetagen der Medienhäuser. Zeitungen mit überwiegend männlichen Herausgebern veröffentlichen einen höheren Anteil an Nachrichten mit negativem Fokus als solche, in denen mehr Frauen mitentscheiden.

          Wozu sollte man über etwas berichten, das völlig in Ordnung ist?

          Es geht nicht darum, positiven Journalismus zu betreiben. Konstruktiver Journalismus geht davon aus, dass die Frage ist: Was jetzt? Wie geht es weiter? Er beruht auf der Annahme, dass wir Probleme und Herausforderungen angehen wollen. Jede Information hat eine Wirkung. Das heißt, dass negative Berichterstattung unser Weltbild stark beeinflusst und psychische Folgen haben kann.

          Welche denn?

          In Zeiten von Mammuts und Säbelzahntigern war es wichtig, dass uns keine schlechte Nachricht entgeht, weil sie den Tod bedeuten konnte. Jetzt sind wir dem „digitalen Säbelzahntiger“ aber im Minutentakt ausgeliefert, weil der Online-Journalismus und die ständige Informationsflut diese Vorliebe fürs Negative in die Perversion getrieben hat. Das sorgt dafür, dass unser Gehirn und unser ganzer Körper sich nicht mehr erholen kann und in einen chronischen, krankmachenden Stresszustand versetzt wird. Noch einen Schritt weitergedacht führt das zu Passivität. Theoretisch leben wir in einer Zeit, in der wir Zugang zu so vielen Informationen haben wie niemals zuvor. Wie kommen wir da hin, dass wir das entsprechend nutzen und keine Medienlandschaft haben, die uns jeden Tag sagt: Morgen geht die Welt unter und du kannst nichts daran ändern.

          Zeigt uns eine Bewegung wie „Fridays for Future“ nicht gerade das Gegenteil – dass Menschen auf die Straße gehen, um Dinge zu verändern?

          Genau deshalb ist es so wichtig, dass der Journalismus sich weiter verändert und im Sinne des konstruktiven und lösungsorientieren Ansatzes ein vollständigeres Bild der Welt liefert und die Menschen nicht mehr gestresst sowie hoffnungs- und hilflos zurück lässt. Bei „Fridays for Future“ gehen die Menschen auf die Straße, weil sie an eine Zukunft glauben wollen, weil sie, inspiriert von Menschen wie Greta Thunberg, nicht länger passive Beobachter sein wollen – und jetzt landet der Klimawandel endlich dort, wo er schon viel länger hingehört, auf Seite 1. Aus psychologischen Untersuchungen wissen wir mittlerweile sehr gut, dass negative Emotionen wie Angst aber genau das Gegenteil von Aktivität und Beteiligung bewirken: nämlich Passivität.

          Was sollte ich ansonsten für meine Medienhygiene tun?

          Erst mal sich überhaupt bewusst machen: Wie konsumiere ich im Moment? Und dann überlegen: Brauche ich diese App, brauche ich das Programm, brauche ich den Fernsehkonsum? Was bringt mich eigentlich weiter und hilft mir auf eine lösungsorientierte Art und Weise, weil ich das Gefühl habe, wirklich etwas dazugelernt und verstanden zu haben?

          Maren Urner studierte Kognitions- und Neurowissenschaften in Deutschland, Kanada und den Niederlanden und promovierte am University College London. 2016 gründete sie „Perspective Daily“ mit, ein Online-Magazin für „Konstruktiven Journalismus“. Seit April 2019 ist sie Dozentin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln. Anfang Juni erschien ihr Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ bei Droemer Knaur.

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