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Medien : Schöne neue Welt

  • -Aktualisiert am

Werkeln an der Zukunft der Zeitung: „Telegraph”-Zentrale in London Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der „Telegraph“ muß als das britische Blatt mit der ältesten Leserschaft die stockkonservative Rentnergruppe bedienen. Nun wagt die Zeitung die Flucht nach vorn - und will digitaler Marktführer im Nachrichtenwesen werden.

          Nicht weit vom Buckingham Palast, einem Symbol von Kontinuität in ständig wechselndem Umfeld, befindet sich das riesige neue Büro der „Telegraph-Gruppe“, das mehr mit „Raumschiff Enterprise“ gemeinsam hat als mit den Räumlichkeiten einer herkömmlichen Zeitungsredaktion. Mit einer Fläche von 6225 Quadratmetern will das ehemalige Börsenparkett des Maklers Salomon Smith Barney das weitläufigste Großraumbüro Londons sein und der modernste Zeitungsbetrieb Europas.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Von der zentralen „Schaltstelle“, wo Chefredaktion und Abteilungsleiter an einem runden Tisch sitzen, fächern elf Speichen mit Schreibtischen und Flachbildschirmen auf. An jeder Speiche sollen die Drohnen der verschiedenen Ressorts das erste integrierte Zeitungsprodukt herstellen. Die Nachbarschaft der futuristischen Kulisse zum Sitz des Königshauses kann auch als Sinnbild gesehen werden für den Zwiespalt, in dem der „Telegraph“ als das Blatt mit der ältesten Leserschaft steht. Er muß die stockkonservative Rentnergruppe bedienen, deren Leib-und-Magen-Lektüre die Nachrufe von alten Obersten und kauzige Stänkereien gegen New Labour sind, und investiert ungenannte Millionenbeträge, um die Aufmerksamkeit der iPod-Generation zu gewinnen.

          Umgestaltung der ganzen Industrie

          Vor knapp zwanzig Jahren hat sich die „Telegraph-Gruppe“ dem Sprung in die bleifreie Zeitungswelt mit dem Umzug in den hohen Turm von Canary Wharf im Osten Londons angeschlossen. Nun beginnt sie das neue Wagnis mit der Verlegung der Redaktion in die Innenstadt und einer Namensänderung: Sie heißt fortan die „Telegraph Media Group“. Die neue Bezeichnung spiegelt in den Worten des Geschäftsführers Murdoch MacLennan den „modernen, wettbewerbsfähigen und facettenreichen Charakter des Unternehmens“, das von Zeitungen bis Podcasts ein vielfältiges Menü anbieten will. MacLennan spricht von einer Umgestaltung der ganzen Industrie.

          Der „Telegraph“ sei „mit seinen Markenzeichen von Ehrlichkeit, Integrität und Zuverlässigkeit bestens plaziert, um der digitale Marktführer im Nachrichtenwesen zu werden“. Der Sorge um die Zukunft des Zeitungswesens angesichts schwindender Auflagen und der Abwanderung der Werbung ins Internet entgegnet der „Telegraph“ mit einer Flucht nach vorn, die radikaler ist als die bisherigen Bemühungen der Konkurrenz. Die Geschäftsführung brüstet sich, daß der „Telegraph“ nicht unterscheidet zwischen neuen und alten Medien, zwischen „uns“ und „den anderen“. Das Unternehmen „Byte“ vereint die Druckwelt mit der digitalen Produktion.

          Fünf „Antastpunkte“ im Laufe des Tages

          Zu diesem Zweck müssen sich sämtliche Redakteure einer fünf Tage langen Ausbildung unterziehen, um die Technologie meistern zu können. Neben dem gedruckten Produkt werden im Laufe des Tages fünf „Antastpunkte“ hergestellt, die, wie die Marktforscher glauben ermittelt zu haben, auf die sich je nach der Uhrzeit wechselnden Bedürfnisse der Verbraucher zugeschnitten sind: morgens eine Internetausgabe, mittags, wenn das Sandwich vor dem Bildschirm gegessen wird, Videofassungen, für die zusätzliche Fachredakteure eingestellt werden sollen, nachmittags eine Hörfassung, am späteren Nachmittag „click and carry“-Material im PDF-Format, das man ausdrucken und auf dem Heimweg lesen kann, und abends ein gemeinschaftlich orientierteres Programm etwa mit Reiseinformationen für den nächsten Urlaub.

          Die schöne neue Welt kommt freilich nicht ohne Entsagungen aus. Trotz der einschneidenden Personalkürzungen vor achtzehn Monaten nach der Übernahme der Blätter durch die Barclay-Zwillinge müssen weitere 133 Stellen gestrichen werden, davon vierundfünfzig in der Redaktion, vierundzwanzig in der Verwaltung. Die restlichen Streichungen sind über verschiedene Abteilungen verstreut. Diesmal werden keine freiwilligen Vorruhestandspakete angeboten, weil die Erfahrung lehrte, daß die am meisten geschätzten Mitarbeiter davon Gebrauch machen, weil sie am ehesten anderswo unterkommen können. Einige haben ihre Kündigungsschreiben schon erhalten, darunter der Chef der Außenpolitik, dessen Nachfolger, der Irak-Kenner Con Coughlin, bereits vier angesehene Auslandskorrespondenten entlassen und viel böses Blut erzeugt hat. Coughlin sagt zu seiner Rechtfertigung, er habe den Auftrag, die Auslandsabteilung für die digitale Zukunft auf Trab zu bringen.

          Mißtrauen und Gerüchte

          Beim „Sunday Telegraph“ verzögert sich der Prozeß anscheinend, weil, wie zu hören ist, sich die jüngst ernannte Chefredakteurin mit der Geschäftsführung nicht einig sei über die Entlassungen, so daß bereits über ihren Rücktritt spekuliert wird. Zwischen Geschäftsführung und Redaktion herrscht Unfrieden und Unklarheit über die Zuständigkeiten. In einer von Mißtrauen und Gerüchten genährten Atmosphäre sorgt die jüngste Kündigungswelle für tiefe Unsicherheit. Die Wirtschaftsredaktion der Tageszeitung hat das Raumschiff in Victoria bereits bezogen, und andere Ressorts folgen nach und nach. Die Umsiedlung des „Sunday Telegraph“ soll auf einen Schlag vollzogen werden. Allerdings drohen die Gewerkschaften mit Streik, zum einen, weil man mit ihnen keine Rücksprache gehalten hat, zum anderen, weil sie sich an den neuen Schichtdiensten stören, die für die integrierte Produktion erforderlich sind. „Sie reißen diesem Blatt das Herz aus“, klagte ein führendes Gewerkschaftsmitglied.

          Die Auswirkungen der digitalen Revolution auf das Zeitungswesen lassen sich nicht ermessen. Bislang gab die Internetfassung mehr oder weniger den Inhalt der gedruckten Zeitung wieder. Doch nun droht der Markenartikel, auf dessen Namen die digitalen Erzeugnisse beruhen, zum Nebenprodukt zu werden und der Chefredakteur von seinem Podcast-Gegenüber in den Schatten gestellt zu werden. Zuweilen scheint es, als schaufelten die Verleger vor lauter Zukunftsangst das Grab der Printmedien.

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