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Medienkrise in der Schweiz : Waldsterben in der Demokratie

Hat ein zeitlich begrenztes Hilfspaket für Schweizer Medien geschnürt: Simonetta Sommaruga, Präsidentin der Schweiz und Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. Bild: Reuters

Unabhängiger Journalismus in Gefahr: Die Schweiz fürchtet die Verwüstung ihrer Medienlandschaft. Doch die Regierung stellt sich taub.

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          Die Umfänge schrumpfen, doch das Selbstbewusstsein ist zurück: Die Stimmung der Schweizer Medien schwankt zwischen panischen Existenzängsten und dem neuen Vertrauen, das ihnen die Öffentlichkeit entgegenbringt. Die Zahl der Abonnements und Zugriffe steigt, die Werbeeinnahmen brechen zusammen – um fünfzig, achtzig oder noch mehr Prozent. Die finanzielle Lage ist dramatisch. Aber nie waren die Zeitungen – „sind wir“, die Journalisten – so nötig wie heute, schreibt der Chefredakteur von „Le Temps“, Stéphane Benoit-Godet. Natürlich im Leitartikel.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Ohne Zahlen zu nennen, verweist die führende Westschweizer Qualitätszeitung aus dem Verlag Ringier Axel Springer Schweiz darauf, wie stark wegen Corona jetzt auch noch die Produktionskosten steigen. „Le Temps“ zeichnet das Bild einer versehrten Presselandschaft. „Wir fragen uns, wer die Krise übersteht“, wird ein Sprecher des Journalistenverbands zitiert. Am schlimmsten steht es um die kleinen Lokalzeitungen. Das „Journal de Morges“ am Genfer See hat 95 Prozent seiner Anzeigen verloren. Fast stündlich aber, so sein Verleger Cédric Jotterand, würden neue Abonnements gezeichnet. Die Redakteure arbeiten achtzehn Stunden pro Tag – in Teilzeitarbeit: die Arbeitslosenversicherung übernimmt einen Teil der Gehälter.

          Für Benoit-Godet sind Zeitungen, die man in der Schweiz als „Bannwald der Demokratie“ bezeichnete, die Speerspitze im Kampf gegen „die zwei neuen Totalitarismen, von denen wir abhängig sind“. Er meint den „Überwachungskapitalismus“ der amerikanischen Technologie-Giganten und den „Unterlieferanten-Kapitalismus der Chinesen, die als Einzige in der Lage sind, Schutzmasken zu produzieren“. Im Dilemma zwischen den Konzernen, „die ihr Geld mit Fake News verdienen“, und der „Diktatur“ sieht die einst den Genfer Privatbanken nahestehende „Le Temps“ den einzigen Ausweg in staatlichen Zuschüssen.

          Man wolle nicht gezielt einzelne Wirtschaftsbereiche unterstützen

          Die Notrufe bleiben keineswegs ungehört. Die eidgenössische Medienministerin Simonetta Sommaruga, eine Sozialdemokratin, stellte ein zeitlich begrenztes Hilfsprogramm von achtzig Millionen Schweizer Franken zusammen. Vor allem die Tages- und die Sonntagszeitungen hätten von ihm profitiert. Doch von der Gesamtregierung mit bürgerlicher Mehrheit, die gegenwärtig großzügige Versprechen macht, wurde das Projekt abgeschmettert: Man wolle nicht gezielt einzelne Wirtschaftsbereiche unterstützen. Wie nützlich es gewesen wäre, zeigen die Details, welche die „Wochenzeitung“ (WoZ) im Nachhinein enthüllte: Für drei Monate hätte der Staat die Kosten für die Postzustellung übernommen und sich an jenen für die Frühzustellung durch Boten beteiligt. Geplant war, während sechs Monaten allen Medien das Abonnement der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zu finanzieren.

          „Das würde uns schon sehr helfen“, sagte Peter Wanner zur „WoZ“. Er ist der Verleger der AZ Medien („Aargauer Zeitung“) und von CH Media, einem Verbund mit den Lokalzeitungen der „NZZ“. Das Nein der Regierung hält er für „verheerend“. Wanner fürchtet eine „totale Marktbereinigung“, die nur drei oder vier Großverlage überleben könnten.

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