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Medien in Amerika : Erfolg mit Häme

  • -Aktualisiert am

Grobianische, aber erfolgreiche und einflussreiche Unterhaltung: Amerikas bestbezahlter Radiotalker Rush Limbaugh Bild: AP

Es ist das Erfolgsrezept des amerikanischen Meinungsjournalismus, Ängste und Wut zu schüren und Politiker mit Häme zu überziehen oder sogar zu verleumden: Amerikas konservative Radiomoderatoren fordern Obama und Steele heraus.

          „Ich hoffe, dass Barack Obama scheitert“, hatte Amerikas bestbezahlter Radiotalker Rush Limbaugh am 16. Januar, wenige Tage vor der Amtseinführung Barack Obamas, in seiner Sendung gesagt. Der Satz schlug landesweit Wellen, doch genaugenommen war er bloß die jüngste Spitze des Mannes, der als Amerikas einflussreichster konservativer Polit-Talker gilt. Und er war bloß eine weitere gezielte Provokation im Meinungsjournalismus der amerikanischen Nachrichtenmedien, in der selbstgefällige Urteile und Wertungen an die Stelle von politischer Berichterstattung und nüchterner Kommentierung getreten sind - es ist das Erfolgsrezept des amerikanischen Meinungsjournalismus, Ängste und Wut zu schüren und Politiker mit Häme zu überziehen oder sogar zu verleumden.

          Sean Hannity von Fox News behauptete im vergangenen August, wenn Barack Obama den Wahlkampf gewänne, „würde ein Rassist und Antisemit zum Präsidenten der Vereinigten Staaten“. Ein Gesprächspartner in seiner Sendung durfte im Oktober deklarieren, Obamas Gemeindearbeit in Chicago sei „Training für einen radikalen Regierungsumsturz“ gewesen. Limbaugh bekräftigte erst vor wenigen Tagen auf einem Kongress konservativer Aktivisten seine Hoffnung, Obama möge scheitern: „Die Vereinigten Staaten sind unter Beschuss, sie sind ständig unter Beschuss, aber sie waren es noch nie auf diese Weise: von innen.“

          Es kann nur einen geben

          Limbaugh, der im vergangenen Sommer einen Achtjahresvertrag über vierhundert Millionen Dollar mit dem Medienunternehmen Clear Channel Communications abschloss und damit neben Howard Stern als bestbezahlter Radiomoderator Amerikas gilt, erreicht wöchentlich zwanzig Millionen Zuhörer. Sean Hannity von Fox News schalten täglich 2,8 Millionen Menschen ein. Man kann die Arbeit von Leuten wie Hannity und Limbaugh als grobianische, aber erfolgreiche Unterhaltung abtun, die mit Politik oder Journalismus nicht viel zu tun hat. Ebendas tat Michael Steele, der Vorsitzende der Republikaner, in der CNN-Sendung „D. L. Hughley Breaks The News“, nachdem er sich zunächst gegen die Behauptung des Moderators verwahrt hatte, Rush Limbaugh sei de facto die Führungspersönlichkeit der Republikaner.

          Nannte Limbaughs Radiotalks „hässlich” und „aufwieglerisch” - und musste sich prompt entschuldigen: Michael Steele, der Vorsitzende der Republikaner

          „Nein, das bin ich“, sagte Steele. „Lassen Sie uns die Sache im Zusammenhang betrachten: Limbaugh macht Unterhaltung, auch wenn sie aufwieglerisch ist, auch wenn sie hässlich ist“, so Steele zu dem Moderator - ironischerweise selbst ein Entertainer, der sich bei CNN mehr schlecht als recht als Journalist versuchen darf.

          Er solle doch besser seinen Job machen

          Doch zwei Tage später kroch der Vorsitzende des Republican National Committee bei dem Brandstifter zu Kreuze: Er habe enormen Respekt vor Limbaugh, sagte Michael Steele gegenüber der Nachrichten-Website Politico.com, und er habe nie beabsichtigt, Limbaughs Stimme oder Führungsrolle herabzumindern. Der Fernsehjournalist Chris Matthews fragte süffisant, ob sich eigentlich irgendeiner in der Republikanischen Partei traue, Rush Limbaugh die Stirn zu bieten, und die „Washington Post“ lästerte: „Das Weiße Haus tritt gegen Rush Limbaugh an.“ Zahllose Kommentatoren wunderten sich über Steeles Kotau vor dem „König“. Barack Obamas Stabschef Rahm Emanuel nutzte das Geplänkel dazu, den großmäuligen Radiomoderator mit der Politik der Republikaner gleichzusetzen - und Michael Steeles Entschuldigung schien das prompt zu unterstreichen. Emanuel bezeichnete Limbaugh als „Stimme und intellektuelle Triebkraft der Republikanischen Partei“ und deutete dessen Wunsch nach einem Scheitern Obamas als Ausdruck der republikanischen Philosophie.

          Limbaugh schoss inzwischen auf die ihm eigene Art zurück: Steele möge sich hinter die Kulissen verziehen und seinen Job machen, statt sich als Fernsehstar zu versuchen, giftete er. Und allgemein: „Mir wäre angesichts ihres traurigen Zustands peinlich, Führer der Republikanischen Partei zu sein.“ Amerikas Konservative können nun von den Republikanern zu Limbaugh überlaufen: Auf seiner Website veröffentlichte er seine persönliche „erste Ansprache an die Nation“.

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