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Medien im Nahost-Konflikt : In den Hügeln von Hezbollywood

Große Bedeutung: Medienarbeit im Libanon Bild: picture-alliance/ dpa

Der Krieg im Nahen Osten ist auch längst ein Krieg der Bilder, die die öffentliche Meinung prägen. Doch was wirklich passiert, wird kaum gezeigt. Mit Guerrillamethoden kämpft die Hizbullah gegen die große PR-Maschine Israels.

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          Von allen Bildern, die dieser Krieg bisher hervorgebracht hat, waren diese bisher die schrecklichsten, die Bilder der toten Kinder von Kana, die unter dem dreistöckigen Gebäude begraben wurden, als es ein Luftangriff der israelischen Armee zum Einsturz brachte. Und daß der Streit um die genaue Anzahl der Opfer, die mittlerweile von 54 auf 28 korrigiert wurde, darunter nach aktuellen Angaben 16 Kinder, noch voll im Gange ist: das wird an ihrer Wirkung kaum etwas ändern.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es half auch nichts, daß man alles schon einmal gesehen hatte, die wütenden Väter und die weinenden Mütter und all die anderen toten Kinder in all den anderen Kriegen. Die Bilder waren natürlich längst ein Klischee, aber das machte sie nicht erträglicher. Und nicht nur, wer sie im Internet sah, wollte sie am liebsten sofort wegklicken.

          Genauer hinschauen, um die Regeln zu erkennen

          Es ist längst eine hohle Floskel, daß auch dieser Krieg ein Krieg der Bilder ist. Diese Erkenntnis ist ja nicht unbedingt falsch; aber ein wenig unscharf ist sie schon. Und deshalb muß man, um die Regeln dieses Krieges ein wenig besser zu erkennen, dann leider doch sehr genau hinschauen auf die grauenhaften Bilder, die er produziert: Man muß sich beispielsweise das Kind anschauen, das am Tag nach dem Angriff auf Kana auf den Titelseiten der internationalen Presse zu sehen war.

          Ein totes Kind in den Armen eines schreienden Mannes, Dreck und Staub hatten es mit einem einfarbigen Firnis überzogen, der auf manchen Bildern schmutzigbraun aussah, auf anderen kreidebleich, was aber beides einen sehr effektiven Hintergrund für das wohl wirkungsvollste Detail des Bildes lieferte, eine hellblaue Plastikkette, an deren Ende ein sehr eindeutiges Symbol hing, ein „stummes Zeugnis für das tragische Ende des unschuldigen Opfers“, wie die englischsprachige Tageszeitung „Arab News“ aus Saudi-Arabien kommentierte: ein Schnuller. Daß die Symbolkraft des Bildes davon verstärkt wird, daß das englische Wort für den Beruhigungssauger „pacifier“ lautet, was auch begrifflich den visuellen Friedensappell unterstreicht, dabei muß man zunächst einmal von einem Zufall ausgehen.

          „Der Mann mit dem grünen Helm“

          Was wirklich passierte in Kana, davon erzählt dieses Bild wenig, und trotzdem muß man nicht zwangsläufig an die Verschwörungstheorie glauben, die unter einer Reihe von proisraelischen Bloggern derzeit die Runde macht. Sie dreht sich um den Retter des Kindes, der meist nur als „der Mann mit dem grünen Helm“ bezeichnet wird und der, weil er offensichtlich auf mehr Bildern auftaucht, als es mit reinem Fleiß zu erreichen ist, für einen Hizbullah-Agenten gehalten wird, der eher bei der Inszenierung als bei der Bergung der Toten behilflich war.

          Das deutlichste Indiz für die Vorwürfe sind die Zeitangaben der Fotos verschiedener Nachrichtenagenturen, die nicht nur nahelegen, daß der allgegenwärtige Helfer über vier Stunden mit der geborgenen Leiche von Kamera zu Kamera gelaufen ist - sondern daß er das tote Kind bereits den Fotografen präsentierte, bevor er es später aus den Trümmern des Hauses zog.

          „Hezbollywood“, die makabre Show in Kana

          Wobei der Mann mit dem Helm nicht die einzige Ungereimtheit der Vorfälle in Kana ist. Der lange Abstand zwischen der Bombardierung des Gebäudes und seinem Zusammenbruch führt zu Zweifeln am direkten Zusammenhang beider Ereignisse, und einige Beobachter stellten gar per medialer Ferndiagnose fest, daß bei den seltsam steifen Körpern der Kinder offensichtlich längst die Leichenstarre eingesetzt hatte - was üblicherweise erst Stunden nach dem Tod geschieht.

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