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Medien : Ein uneinig Brudervolk

Der Journalist: Jaroslaw Kurski Bild: Maciej Zienkiewicz/AG

Der Riss durch die polnische Gesellschaft verläuft manchmal durch die Familien. Das beste Beispiel sind die Brüder Kurski: Der eine, Jacek, ist ein konservativer Politiker, der andere, Jaroslaw, führt die linksliberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“. Ein Doppelporträt.

          In einer jungen Demokratie, deren Strukturen sich erst noch festigen müssen, verlaufen die Lebenswege oft in abenteuerlichen Wendungen. Wenn alles im Fluss ist und mal die eine, dann schon wieder die andere Strömung stärker ist, verlieren viele die Orientierung; robustere Naturen aber entdecken im Chaos die Vielzahl von Optionen, Karriere zu machen. Häufig genug entscheidet ein Zufall darüber, welche Richtung jemand einschlägt, und manchmal kommt es zu Konstellationen, die Außenstehende schwer nachvollziehen können. Dass ein Mann Präsident wird und sein Zwillingsbruder zur selben Zeit Premierminister, wäre in den meisten Ländern undenkbar; das postkommunistische Polen macht es möglich.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Lech und Jaroslaw Kaczynski haben es mittlerweile zum berühmtesten Bruderpaar der Weltpolitik gebracht. Doch Polen hat noch andere ungewöhnliche Familiengeschichten zu bieten, zum Beispiel die der Brüder Kurski. Jaroslaw und Jacek Kurski sind keine Zwillinge, auch wenn sie sich recht ähnlich sehen. Damit hören die Gemeinsamkeiten im Grunde schon auf. Während die Kaczynskis stets Seite an Seite kämpften, haben sich die Wege der Kurskis früh getrennt, nachdem beide 1982 gemeinsam für eine unabhängige Schulzeitung gearbeitet hatten.

          Jaroslaw, Jahrgang 1963, wurde 1990 Pressesekretär Lech Walesas, von dem er sich wegen politischer Differenzen bald trennte. Während Jacek, Jahrgang 1966, in die Parteipolitik strebte, zog es Jaroslaw zurück in die Medien. Heute steht er vor der Übernahme des wichtigsten Postens, der im polnischen Journalismus zu vergeben ist: Anfang des Monats ist Jaroslaw Kurski zum „Ersten stellvertretenden Chefredakteur“der „Gazeta Wyborcza“ ernannt worden - und damit praktisch zum Nachfolger Adam Michniks, des Gründers und intellektuellen Kopfs des Blattes, der sich Presseberichten zufolge bald zurückziehen wird.

          Der Politiker: Jacek Kurski (l.) neben Jaroslaw Kaczynski

          Eine Legende

          Es ist ein Schritt von höchster Symbolkraft. Die „Gazeta“ ist nicht einfach nur eine Zeitung, sondern eine Legende, und Adam Michnik nicht irgendein Chefredakteur, sondern einer der bedeutendsten Schreiber und Denker seines Landes. 1989 hatte der einstige Dissident Michnik, den die Kommunisten insgesamt sechs Jahre inhaftiert hatten, von Walesa den Auftrag erhalten, eine Zeitung für die anstehende Präsidentenwahl herauszugeben. Rasch emanzipierte sich die „Gazeta Wyborcza“ von Walesa und der Solidarnosc und ist heute mit einer Auflage von 470.000 Exemplaren die größte seriöse Tageszeitung Polens.

          Ihre linksliberale Linie gibt bis heute Adam Michnik vor, der die Werte, mit denen Polen in die Demokratie zog, unermüdlich verteidigt. Dazu zählt die Entscheidung, die früheren Kommunisten nicht auszugrenzen. Die Kaczynski-Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die die Altkader aus dem öffentlichen Leben entfernen möchte, hat bei der „Gazeta“ folglich einen schweren Stand. „Ein Polen des Argwohns, der Furcht und der Rache liegt im Kampf mit einem Polen der Hoffnung, des Muts und des Dialogs“, schrieb Michnik über die bislang missglückten Versuche der PiS, die Vergangenheit Hunderttausender Polen per Gesetz durchleuchten zu lassen.

          Dass Michnik nun im Aufmacher der „Gazeta“ plötzlich die Offenlegung sämtlicher polnischer Stasi-Akten vorschlug - um dadurch, wie er schrieb, ihren Missbrauch durch einzelne Eingeweihte zu verhindern - war eine sensationelle Volte, die selbst seine eigene Redaktion überraschte. Nach wie vor genießt Michnik in der „Gazeta“ alle Freiheiten; er nimmt sie sich indes immer seltener. Das Wochenmagazin „Polityka“ nennt ihn einen „virtuellen Chefredakteur“. Nachdem der gesundheitlich angeschlagene Michnik kaum noch in der Redaktion und seine langjährige Weggefährtin Helena Luczywo in Rente gegangen sei, führe faktisch Jaroslaw Kurski die Geschäfte. Kurski gilt in seiner Branche anders als sein Ziehvater Michnik als klassischer Journalist und Macher, dem es nicht um politischen Einfluss, sondern um die Sache gehe. Nicht namentlich genannte Kollegen beschreiben ihn in der „Polityka“ als sympathisch, doch verschlossen, ja schüchtern.

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