https://www.faz.net/-gqz-x5yl

Medien : Der Sachsen-Sumpf ist ausgetrocknet

Landesamt für Verfassungsschutz in Dresden: Skandal von bedrückendem Ausmaß Bild: picture-alliance/ dpa

Der Publizist Jürgen Roth hat maßgeblich an der Berichterstattung zum Sachsen-Sumpf mitgewirkt. Inzwischen ist der Vorwurf eines landesweiten Netzwerks der Korruption kollabiert. Auch andere Recherchen des Autors werfen Fragen auf.

          Für das Internetlexikon Wikipedia gilt Jürgen Roth - wie es im entsprechenden Eintrag etwas ungelenk heißt - als „einer von Deutschlands bekanntesten Vertretern des investigativen Journalismus“. In der Tat ist Roths Bücherliste lang. Auch die Zahl seiner journalistischen Äußerungen ist beeindruckend. Seit vielen Jahren wird Roth als Korruptions- und Mafia-Experte bezeichnet, den Journalisten immer gern dann befragen, wenn sie selbst gerade nicht richtig weiterwissen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Im vergangenen Sommer feierten manche Medien Roth dafür, maßgeblich an der „Enthüllung“ der Sachsen-Sumpf-Affäre beteiligt gewesen zu sein, die sich angeblich aus Akten des sächsischen Verfassungsschutzes ergebe. Ohne groß hinterfragt zu werden, war Roth damals für das Fernsehen, Zeitschriften und Zeitungen Interviewpartner. Die Aufmerksamkeit war ein schöner Werbeeffekt für den Frankfurter Publizisten, der gerade sein Buch „Anklage unerwünscht“, in dem es auch um angeblich kriminelle Strukturen in Plauen geht, auf den Markt brachte.

          Persönliches Desaster

          Doch die Causa Sachsen-Sumpf wird immer mehr zum persönlichen Desaster des Jürgen Roth. Immer drängender stellt sich die Frage, warum Roth nicht - schon aus Selbstschutz - einfachste journalistische Handwerksregeln beherzigte, sondern auf Skandalisierung ohne Netz und doppelten Boden setzte. Mittlerweile hat sein Verhalten sogar zu strafrechtlichen Konsequenzen für ihn geführt. Vor kurzem erließ das Amtsgericht Dresden einen Strafbefehl über siebzig Tagessätze zu je sechzig Euro wegen übler Nachrede gegen ihn.

          Es geht dabei um zwei Äußerungen Roths. Auf seiner Homepage hatte der Publizist behauptet, ein Leipziger Geschäftsmann sei nach dem Selbstmord eines CDU-Stadtrats in dessen Wohnung eingedrungen und habe die Festplatte aus dessen Computer an sich genommen. Roth hatte den Geschäftsmann in der Sache nie befragt (Sachsen-Sumpf - ein Medienkonstrukt). In einem Gespräch mit einer regionalen Zeitung erweckte der Publizist zudem den Eindruck, ein ehemaliger Wirtschaftsstaatssekretär habe sich beim Kauf eines Grundstücks von einem Unternehmen unterstützen lassen. Roth akzeptierte den Strafbefehl mittlerweile. Mit schlüssigen Rechercheergebnissen wusste er sich nicht zu verteidigen. 4200 Euro beträgt die Strafe, die er für die beiden Äußerungen zu zahlen hat.

          Entschuldigung bei „Staatsanwalt X“

          Glimpflicher, aber nicht weniger peinlich für Roth ging es zu, als ein weiterer Aspekt seiner Sumpf-Welt in sich zusammenbrach. Vor wenigen Tagen musste Roth eine Behauptung aus seinem Buch „Anklage unerwünscht. Korruption und Willkür in der deutschen Justiz“ gemeinsam mit seinen Mitautoren per „Presseerklärung“ widerrufen. Es geht dabei um einen „Staatsanwalt X“, der heute als Richter in Zwickau tätig ist. Laut Zeugenaussage sei X. bestochen worden. Mit Datum vom 7. März entschuldigte sich Roth (der unter der Adresse des Eichborn-Verlags auch im Namen seiner Koautoren auftritt) bei dem Juristen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Dresden hätten ergeben, „dass diese Vorwürfe frei erfunden sind. Damit steht auch fest, dass jener ,Staatsanwalt X' in dem genannten Sinne nicht bestochen worden ist.“ Der im Buch zumindest angedeutete Vorwurf sei nicht haltbar. Unumwunden gibt Roth zu, es unterlassen zu haben, „die in Betracht kommenden Personen zu befragen“, und führt zur Entlastung für sich und seine Koautoren Bemerkenswertes an: „Wir haben, wie wir heute wissen, diesen Informationen, die auch in Unterlagen des Landesamts für Verfassungsschutz enthalten waren, vertraut.“

          Weitere Themen

          Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

          "Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

          Die späte Rache Erdogans

          Prozess wegen Gezi-Protesten : Die späte Rache Erdogans

          In Istanbul stehen sechs Jahre nach den Gezi-Protesten 16 Anwälte, Kulturschaffende und Stadtplaner vor Gericht. Sie sollen versucht haben, die Regierung zu stürzen. Menschenrechtler und Grünen-Politikerin Claudia Roth kritisieren den Prozess scharf.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Istanbul nach den Wahlen : Erdogans Propaganda hat nicht geholfen

          Die Niederlage bei der Wahl in Istanbul ist nicht nur für den Präsidenten ein Schlag, sondern auch für die ihm ergebene Presse. Rund um die Uhr sorgte sie für Aufruhr, jetzt fürchtet sie um ihre Pfründe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.