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Medien : Der Inhalt ist der Auftrag

Wolkig bis heiter: der Himmel über Offenburg Bild: dpa

Zwei Zeitschriften stellt Burda ein. Doch das soll nicht der Anfang vom Ende des Magazinimperiums sein, der neue Vorstand Philipp Welte baut in großem Stil um - und setzt auf eine Symbiose von Print und Internet.

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          Der Schritt erscheint auf den ersten Blick paradox, auf den zweiten folgerichtig. Der neue Vorstand des Burda-Verlags, Philipp Welte, stellt eine Zeitschrift ein, die über das Internet berichtet. „Tomorrow“ heißt der Monatstitel, bei rund 56.000 Exemplaren lag die Auflage zuletzt, das Blatt war ein Vorreiter der Branche, ging es doch schon 1999 mit einem eigenen Auftritt online. Mit dem Namen aber verbindet man vor allem die Tomorrow Focus AG, die als eigenständiges, an der Börse notiertes Tochterunternehmen von Burda seit acht Jahren unter anderem den Internetauftritt des Flaggschiff-Magazins „Focus“ betreut. Die Internetschmiede machte zuletzt einen Umsatz von rund 75 Millionen Euro und expandiert (sie vermarktet auch FAZ.NET), die Keimzelle „Tomorrow“ aber ist Geschichte. Burda hatte das Blatt Ende 2007 aus einem Joint Venture mit der Vogel Medien Gruppe herausgekauft, die Redaktion nach Berlin verlagert und den Titel der Oberhoheit des „Super Illu“-Chefredakteurs Jochen Wolff unterworfen.

          Michael Hanfeld
          (miha.), Feuilleton

          Einen Hinweis auf eine generelle Abkehr von den gedruckten Medien, auf denen das Geschäft des Zeitschriftenhauses beruht, das insgesamt rund 250 Titel verlegt, soll man darin nicht erkennen, sagt Philipp Welte im Gespräch mit dieser Zeitung. Er setzt vielmehr auf die Verquickung der gedruckten mit den digitalisierten Medien. Papier und Internet, das soll künftig kein Gegensatz, auch kein Nebeneinander mehr sein, sondern eine Symbiose eingehen. Deshalb geht die verlegerische Verantwortung der Chefredakteure und Geschäftsführer für ihre Marken bei Burda fortan über die einzelnen Zeitschriften hinaus. Sie müssen sich Gedanken darüber machen, wie sie ihre Geschichten auf den unterschiedlichen Wegen, „auf allen technischen Plattformen“, an die Leser bringen.

          Fünfzig Arbeitsplätze fallen weg

          „Vertikale Integration“ nennt Welte dieses Prinzip; das Programm, das der erst vor zwei Monaten von Springer zu seinem langjährigen früheren Arbeitgeber Burda Zurückgekehrte in kurzer Frist umsetzen will, steht unter den bei Burda üblichen Schlagworten in Englisch: „Concentrate, Integrate, Innovate“. Es lässt sich leicht übersetzen und bedeutet vor allem, dass aus der vielgestaltigen Hubert Burda Media mit ihren tausend Reichen ein integrierter Medienkonzern werden soll. Der erste Schritt des Programms - die Konzentration auf erfolgreiche Titel und Marken - fordert mit „Tomorrow“, das mit sofortiger Wirkung eingestellt wird, ein erstes Opfer. Das zweite ist die Frauenzeitschrift „Young“, die in Offenburg, am Ursitz von Burda, verlegt wird. Die Schlussredaktion aller Titel in Offenburg wird ausgelagert, insgesamt fallen fünfzig Arbeitsplätze weg. Doch mit Streichungen soll es nicht getan sein, im Internet will Welte in diesem Frühjahr unter dem Rubrum „Burda Style“ die Auftritte verschiedener Modetitel vereinen.

          „Ich glaube an den Journalismus“, sagt Philipp Welte und erteilt damit den Untergangsprophetien der Branche eine Absage. Das kann man ihm abnehmen, er zählt zu den wenigen Medienmanagern, die als Journalisten angefangen haben. Wie gut er das Geschäft kennt, vermochte man über die Jahre zu bezeugen, in denen Welte als Geschäftsführer die Burda People Group, zu der unter anderen „Bunte“ und „Instyle“ gehören, auf Erfolg trimmte. Welte weiß, dass das Wohl und Wehe von Medienunternehmen auf der Kompetenz und dem Innovationsgeist ihrer Mitarbeiter beruht. „Unser Kapital ist die Kompetenz“, sagt Welte. Diese auf alten wie neuen Wegen darzubieten ist sein Ziel und erscheint ihm angesichts der Wirtschaftskrise als einzige Lösung. Das hat aber nicht nur Folgen für die Journalisten, sondern auch für die Vermarktung und den Vertrieb. Die Werbekunden von Burda sollen es künftig mit jeweils einem Ansprechpartner zu tun haben, die Zuteilung nach Titeln ist passé.

          „Die Verlage haben gute Chancen, in der digitalen Welt zu bestehen“, sagt Welte. Sie würden nicht, wie es Sendungsbewusste im Internet predigen, „von der Besetzungsliste gestrichen“, eben weil ihre Kompetenz sich nicht in reinem Mitteilungsdrang erschöpfe, sondern sie ihren Lesern mit reichlich Erfahrung und Hintergrund informierende und unterhaltende Inhalte anböten, die länger als einen Augenblick hielten. Doch müsse man, in einer „Zeit wirtschaftlichen Desasters und technologischer Revolution“, auch nach neuen Erlösmodellen suchen. Es heiße nicht mehr: „Ich mache eine Zeitschrift, sondern: Ich schaffe einen Inhalt, auf allen technologischen Wegen. Das ist der Auftrag.“

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