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Medien : Betrügen mit Alexis Debat

Ein Interview mit Barack Obama hat Debat nie geführt Bild: AP

Das kleine französische Internetportal „Rue89“ hat einen ganz großen Schwindel entlarvt: Der Starjournalist Alexis Debat pflegt Interviews und Analysen frei zu erfinden.

          In ihrer jüngsten Ausgabe publiziert „Politique Internationale“ ein ausführliches Interview mit Barack Obama. Der Politiker aus Illinois ist Senator und Kandidat auf die Kandidatur: er möchte für seine Partei, die Demokraten, ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt werden. Ein Gespräch mit ihm oder ein exklusiver Aufsatz aus seiner Feder gehört deshalb für „Politique Internationale“ zum Pflichtprogramm. Denn hier schreiben die ehemaligen und zukünftigen Staatschefs. Gelesen werden sie von Diplomaten und der Elite der politischen Klasse.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Politique Internationale“ ist die französischsprachige Bibel für Außenpolitik. Der gewaltige Einfluss der Zeitschrift steht im umgekehrten Verhältnis zur eher niedrigen Auflage. Patrick Wajsman, der zuvor Journalist beim „Figaro“ war, hat sie nach dem Vorbild von „Foreign Affairs“ begründet und zwei Jahrzehnte gebraucht, um sie zu etablieren. Jetzt könnte „Politique Internationale“ ihr Renommee ganz schnell wieder verlieren. Denn das Interview mit Obama, in dem der Politiker den Krieg im Irak für verloren erklärt, ist eine Fälschung.

          Peinliche Vorgänge

          Dass es ein Interview mit Barack nie gegeben hat, haben die Journalisten des jungen Internetportals „Rue89“ entdeckt. Es wird von früheren Redakteuren und Korrespondenten der Zeitung „Libération“ betrieben und ist als Informationsquelle nicht nur für die Medienberichterstattung unerlässlich geworden. Denn noch hat keine große französische Zeitung über die peinlichen Vorgänge bei „Politique Internationale“ geschrieben. Die Zeitschrift selbst hat sich mit einer Reaktion viel Zeit gelassen. Wajsman gab sich extrem weinerlich: „Wir sind die ersten Opfer“, erklärte er in einer ersten Stellungnahme. Tage später hat er sich und seine Redakteure als „unschuldige Idioten“ eines Betrügers bezeichnet.

          Patrick Wajsman wusste ganz sicher nicht, dass er von seinem Mitarbeiter Alexis Debat hintergangen wurde. Debat ist seit Jahren für „Politique Internationale“ tätig. Er erklärte zunächst, er habe Obama über eine dritte Person in dessen Umfeld schriftlich interviewt. Doch das ganze Lügenkonstrukt ist kläglich zusammengebrochen. Und in seiner Folge wurde bekannt, dass auch ein Exklusivinterview mit Alan Greenspan eine Fälschung war. Das könnte genauso für die Gespräche mit Bill Gates und Hillary Clinton zutreffen, die Debat ebenfalls getroffen haben will. „Politique Internationale“ präsentiert ihn als „Experten für Nachrichtendienste und Terrorismus“.

          Bombenregen über Iran

          Als solchen hat ihn vor zwei Wochen auch die „Sunday Times“ zitiert: In der englischen Sonntagszeitung veröffentlichte Alexis Debat einen „Geheimplan“ der Amerikaner, demzufolge George Bush Iran mit einem drei Tage dauernden Bombenregen in die Knie zwingen wolle. Der „Experte“ kritisierte das Projekt, das er enthüllte, als zu massiv. Deshalb sei eine Umsetzung eher unwahrscheinlich.

          „Rue89“ hat daraufhin Recherchen über Alexis Debat angestellt und ihn als Hochstapler entlarvt. Den Doktortitel, mit dem er sich schmückt, hat er an einer nichtexistierenden Universität erworben. An der Sorbonne versuchte er sich akademische Würden mit einer gefälschten Arbeit zu erschleichen. Binnen weniger Tage hat „Rue89“ ohne großen Aufwand einen weltweit tätigen Publizisten zu Fall gebracht.

          Grundsätzliche Fragen

          In Frankreich agiert Alexis Debat als Amerika-Experte mit hervorragenden Beziehungen, in den Vereinigten Staaten wiederum spielt er sich als Europa-Kenner auf. Als in Paris die Vorstädte brannten, kommentierte er im Fernsehsender ABC, der ihn als „früheren Sozialarbeiter“ vorstellte. Auf ABC kritisierte er auch die französische Opposition gegen den Krieg im Irak: diesmal als „ehemaliger Mitarbeiter des französischen Verteidigungsministers“. Im Fernsehen tischte er zudem einige Schauergeschichten auf. Saddams Sohn Udai, erzählte er, habe zwei französische Studenten gezwungen, vor seinen Augen einen homosexuellen Geschlechtsakt zu vollziehen. Die französische Regierung habe den Vorgang verheimlicht - wegen der guten Beziehungen zum Diktator.

          „Rue89“ schreibt: „Auf der Internet-Seite von ABC News finden sich nach wie vor Spuren dieser Episode.“ Inzwischen hat allerdings auch „ABC“ begonnen, sich näher mit Alexis Debat zu befassen. Der Fall wirft grundsätzliche Fragen auf. Wie kann eine solche Karriere, die von „Rue89“ mit ein paar Telefonanrufen beendet wurde, über Jahre hinweg reibungslos funktionieren? Warum merken oder sagen Opfer wie Greenspan und Barack nie von sich aus, wenn in führenden Organen gefälschte Geschichten im Umlauf sind? Ist der transatlantische Hochstapler und Betrüger, neben dem Tom Kummer mit seinen gefälschten Hollywood-Interviews als Waisenknabe erscheint, exemplarisch für das Mediensystem? Für ein System, das die Spezialisten und Informanten, die es gar nicht geben kann, in einer Form von Inzucht selbst erzeugt und sie Geheimdienst- oder Terrorismusexperten nennt? Dann wäre der Hochstapler Debat gleichzeitig auch sein nützlichster Idiot.

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