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Medialer Zynismus : Ein Äffchen geht um die Welt

Christus nach der Verschandelung Bild: REUTERS

Seit eine Rentnerin in einem spanischen Kaff eine Christusdarstellung verunstaltet hat, ist das Netz voller Spott. Die Medien mischen bei diesem zynischen Spiel mit.

          Eine unbekannte Rentnerin in einem Nest bei Saragossa überpinselt in der Kirche eine kleine, verwitterte Christusdarstellung, weil sie sie „restaurieren“ möchte. Cecilia Giménez ist Hobbymalerin, sie hat so etwas schon öfter gemacht. Aber der Christuskopf geht ihr daneben. Die Verbesserung wird zur Fratze, sie ähnelt einem Äffchen. Ein Lokalblatt entdeckt die Stümperei, schickt die Geschichte mit den Vorher-Nachher-Fotos in die Welt hinaus, und innerhalb weniger Tage werden alle berühmt beziehungsweise berüchtigt: die Rentnerin, der Ort, das kleine Pfuschwerk. Aber warum?

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Restaurationsarbeit von Cecilia Giménez, um damit zu beginnen, hat unbestreitbare Komik. Der ursprüngliche „Ecce homo“, vermutlich vor bald hundert Jahren von einem gewissen Elías García Martínez (1858 bis 1934) direkt auf die Wand gemalt und nach Ansicht der Experten von geringer künstlerischer Bedeutung, ist nach der Überpinselung nicht mehr wiederzuerkennen: Die gute Absicht produzierte ein Monster. Mit einer Mischung aus Schadenfreude und gutmütigem Spott gaben soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook die Geschichte weiter, und kurz darauf sprangen die ersten ausländischen Medien auf. Dass die BBC, „Le Monde“ oder die „New York Times“ auf ihren Internetseiten über den Fall berichteten, wirkte als Verstärkereffekt umgehend auf Spanien zurück, peitschte die Netzwerke hoch und zwang die spanischen Zeitungen, Radio- und Fernsehsender, Reporter nach Aragonien zu entsenden. Die kleine Ortschaft Borja und das außerhalb auf einem Hügel liegende Gotteshaus avancierten zur Sommerstory des Jahres.

          Doch längst war daraus ein Bündel disparater Geschichten geworden. Niemand interessierte sich für die Frage, was die Enkelin des Malers angesichts der Beschädigung denken mochte. Das Originalwerk war „nicht im Katalog erfasst“ und somit bedeutungslos. Es galt nicht als schützenswertes Kulturgut. Manche Medien schrieben, es stamme aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, andere, aus den Dreißigern, wieder andere verlegten es ins neunzehnte Jahrhundert. Genauer braucht es offenbar niemand zu wissen. Immerhin steht der Maler seit vergangener Woche in Wikipedia. Fünf Tage später ist zum Entstehungsjahr noch immer keine verlässliche Information zu bekommen. Das Alter von Cecilia Giménez wird mal mit 80, dann mit 81 oder 82 Jahren angegeben. Ihr Sohn, der mit einer Behinderung im Rollstuhl sitzt, soll laut der einen Zeitung sechzig, einer anderen 54 Jahre alt sein.

          Blödsinniger Aktivismus

          Diese Woche rücken Restauratoren an, um den entstandenen Schaden zu begutachten, aber was sie tun werden, ist nicht vorherzusagen. Das Normale wäre, dass sie sich von der Amateurmalerin darüber informieren lassen, welche Farben sie benutzt hat. Aber wer weiß? Eine Unterschriftenaktion im Netz versucht, das darübergemalte Äffchen - spanisch „Ecce mono“ - zu erhalten. Innerhalb weniger Stunden gewann sie fünftausend Anhänger. Tags darauf waren es schon zwölftausend. Es ist völlig unklar, was solche Anhängerschaft im Netz überhaupt zu bedeuten hat, aber sie scheint uns zu beschäftigen: Im Nu verwandelte auch sie sich in einen Teil der sensationellen Nachricht.

          Ebenso gut könnte es allerdings sein, dass der blödsinnige Aktivismus in sich zusammensinkt wie ein Soufflé, wenn man ihm 48 Stunden lang die Aufmerksamkeit entzieht. Nur: Wie macht man das heutzutage im Netz, wo so viele Menschen permanent online sind und mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wissen? „Gefällt mir“, „gefällt mir nicht“, das sind die banalen Kategorien einer sich selbst generierenden Meinungsindustrie, die weder Kenntnisse vorweisen muss noch für irgendetwas Verantwortung übernimmt.

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