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Medialer Populismus : Im Netz der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker

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Im Internet ist eine weitgehend anonyme, über alternative Medien informierte Bewegung der Totalablehner entstanden, die einer zwischen „wahrer“ Gesellschaft und Elite abgrenzenden Wir-sie-Ideologie anhängt, wie man sie noch aus realsozialistischen Systemen kennt. Das messbar gesunkene Vertrauen in „die Medien“ untermauert die Verbreitung derartiger Ansichten, wobei ein Blick in die Publikumsdiskussionen auf den einschlägigen Seiten zeigt, dass vor allem politisch interessierte Menschen dem Diskurs folgen. Auch das noch recht neue und mitunter dilettantisch moderierte Programm von „Russia Today Deutsch“ versucht, dieses Spektrum zu bedienen. Die Politik hat das Phänomen lange nicht beachtet und später dann mit einer schematischen Einordnung reagiert, die zwar die moralische Kategorisierung erlaubt, dadurch aber nicht richtiger wird, da sie die Heterogenität des Totalablehnertums missachtet. Es handle sich um Rechtsradikale, so der Affekt.

Meinungsverschiedenheiten treten im Netz sofort zutage

Zum Bruch innerhalb der Alternativmedienszene kam es, als die mittlerweile ebenfalls gespaltene Pegida-Bewegung in die Schlagzeilen drängte. Jürgen Elsässer, der zuvor schon Sympathie für vermeintlich antisalafistische Hooligans erkennen ließ, hat sich klar auf die Seite von Pegida geschlagen und auf der Legida-Demonstration am 21.Januar in Leipzig eine umjubelte Rede gehalten. Schon früh hat sich deshalb Ken Jebsen auf seinem Portal von Elsässer distanziert. Auf „Russia Today Deutsch“ musste sich der rhetorisch gewiefte „Compact“-Chef zudem von einer zweitklassigen Reporterin abkanzeln lassen. Der russische Staat gibt sich hierzulande nämlich jung, links und minderheitenfreundlich.

Das Internet ist mitverantwortlich für die Spaltung der Alternativmedienszene. Wenn es über den Antiamerikanismus und das Bashing von Medien und Politik hinausgeht, also, wie etwa bei Pegida, zur Formulierung konkreter „positiver“ Forderungen kommt, ist die Echtzeitpositionierung gefragt. Alle Unterschiede zwischen den Protagonisten treten offen zutage. Was wäre wohl aus den frühen Grünen geworden, wenn man jeden auf Diskussionen gefallenen Satz hätte nachschauen und der Bewegung im Ganzen hätte anrechnen können?

Konnektives Handeln im Internet tendiert dazu, auf die krude Ablehnung und Fundamentalopposition begrenzt zu bleiben. Diese Ansichten werden bestärkt durch Alternativmedien, deren Identität auf der Abgrenzung vom herkömmlichen Medienpluralismus gründet. Gleichzeitig behindert das Netz durch die gegebene Transparenz aber die Reintegration der Totalablehner. Die Definition gemeinsamer positiver Agenden ist schwerer geworden. Die Ränder des demokratischen Parteienspektrums, Linkspartei und AfD, sind hierfür noch am ehesten geeignet und strecken ihre Fühler deshalb verhalten aus. Sigmar Gabriel wiederum hat verstanden, dass man es sich mit einer Totalverweigerung gegenüber den Totalablehnern nicht zu leicht machen darf, um weiter als Volkspartei existieren zu können. Die anonyme Bewegung ist nämlich nicht genuin rechts. Wir sehen nur Teile, die im angeblichen Antiislamismus, vorgetragen von tendenziell fremdenfeindlichen Wutbürgern, ein zweifelhaftes Feld der Ankopplung finden. Morgen wird es ein anderes Thema sein.

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