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Kunstschacher in der DDR : Kopie? Tübke!

Darauf hatte die KoKo ein Auge geworfen: „Gothaer Liebespaar“, Meister des Hausbuchs, 1485. Bild: Gotha Schlossmuseum

Eine MDR-Dokumentation zeigt, wie die DDR zur Devisenbeschaffung offenbar auch Kunst professionell fälschen lassen wollte. Sie wendete sich zu diesem Zweck unter anderem an einen berühmten Maler.

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          Am 29. Mai 1975 schreibt das Ministerium für Kultur der DDR an den Leipziger Maler Werner Tübke. „Wir haben ein für uns sehr vertrauliches und dringliches Anliegen“, formuliert der zuständige Abteilungsleiter und kommt gleich im zweiten Satz zur Sache. „Wären Sie bereit, uns vom ‚Gothaer Liebespaar’, das in der ständigen Sammlung des Schloßmuseums Gotha seinen Platz hat, eine Kopie anzufertigen?“ Das Original wolle man „aus vielerlei Gründen im Depot sicherstellen“ oder in Ausstellungen zeigen. „Ich erwarte Ihre Entscheidung.“ Das „Gothaer Liebespaar“ ist ein Gemälde der Meister des Hausbuches aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und das wahrscheinlich berühmteste Bild der Gothaer Sammlung. Der Kopie-Wunsch wiederum landete wohl nicht zufällig beim DDR-Star-Künstler Tübke, der die Malerei der Renaissance studiert hatte und in seinen Gemälden auch immer wieder darauf zurückgriff.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Frage allerdings ist, was das Kulturministerium tatsächlich mit einer solchen Kopie bezweckte. In einer sehenswerten Dokumentation geht der MDR auf Spurensuche, inwiefern der berühmt-berüchtigte DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski bei seinem schwunghaften Handel mit Kunst und Antiquitäten aus der DDR auch vor Kunstfälschungen nicht zurückschreckte. 1975, zur Zeit der Anfrage an Tübke, war die „Kunst- und Antiquitäten GmbH“ aus Schalk-Golodkowskis Imperium „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) gerade zwei Jahre alt. Ihr Ziel war es, Kunst aus Privathand, aber auch aus Depots von DDR-Museen gegen Devisen an Kunden im Westen zu verkaufen. Die zunächst von Privat-Kaufleuten erfolgreich umgesetzte Idee kaperte bald die KoKo, in dem sie private Kunsthändler mit immens hohen Steuerforderungen überzog und so ausschaltete, um das Monopol auf derartige Verkäufe zu erlangen.

          Im Staatsauftrag Kunst für den westlichen Markt gefälscht

          Darüber hinaus verpflichteten die Devisenbeschaffer auch DDR-Museen wie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, bestimmte Prozentanteile ihrer Depots für Devisen-Verkäufe zur Verfügung zu stellen. Dagegen allerdings regte sich landesweit vehementer Widerstand der Museums-Direktoren, die damit letztlich Erfolg hatten. Die Nachfrage nach Kunst blieb jedoch groß, sodass die KoKo sie offenbar auch durch Fälschungen zu bedienen versuchte. In Untersuchungsausschüssen des Bundestages, die nach der Wiedervereinigung die Machenschaften der KoKo wie der Kunst- und Antiquitäten GmbH untersuchten, tauchte das Thema nur am Rande auf, inzwischen jedoch mehren sich die Hinweise, dass im DDR-Staatsauftrag gezielt Kunst für den westlichen Markt gefälscht wurde.

          So erklärt im Film der DDR-Fälscher Edgar Mrugalla, im Staatsauftrag Kunstwerke en gros kopiert zu haben; vor Gericht wurde ihm das jedoch nicht geglaubt. Doch auch die zur Zeit der Anfrage an Tübke auf Schloss Friedenstein tätige Kuratorin Adelheid Buse berichtet, damals gefragt worden zu sein, ob sie nicht einen Cranach kopieren könne, was sie selbstverständlich abgelehnt habe.

          Das Fälscher-Geschäft jedoch erschien nicht nur lukrativ, sondern auch vergleichsweise sicher zu sein. Kaum jemand im Westen konnte nachprüfen, woher die Werke im Osten wirklich stammten. Zudem ließ sich deren Herkunft auch durch die Zeitläufte nahezu perfekt tarnen: Nach dem Zweiten Weltkrieg galten viele Gemälde als zerstört oder verschollen, so dass es jedes Mal an ein – jedoch nicht völlig unwahrscheinliches – Wunder grenzte, wenn ein solches Werk doch irgendwann irgendwo im Kunsthandel wieder auftauchte.

          Echtheitsprüfung: Die Restauratorin Adelheid Clarissa Countess von Buse untersucht ein Bild.

          Werner Tübke freilich schien die Sache nicht geheuer zu sein, vielmehr ahnte er wohl, worum es bei dem „vertraulichen und dringlichen Anliegen“ ging. Gegenüber seiner damaligen Frau, der Malerin Angelika Tübke, soll er die Sorge geäußert haben, das Original des „Liebespaars“ werde verkauft und die Kopie ins Museum gehängt. In seiner Antwort an das Kulturministerium blieb er deshalb vage und stellte vor allem Bedingungen, die mutmaßlich dazu dienten, die Funktionäre hinzuhalten. So wollte er unter anderem zunächst seinen Großauftrag für den im Bau befindlichen Palast der Republik in Berlin fertigstellen und mehr über die Signatur sowie den „tieferen Sinn“ der Kopie-Aktion erfahren. Genau diese Fragen wiederum, antwortete das Ministerium Ende Juni 1975, könne man nur „im persönlichen Gespräch“ und „zum gegebenen Zeitpunkt“ erörtern.

          Ein darüber hinaus gehender Schriftwechsel zwischen Tübke und dem Ministerium in dieser Angelegenheit ist nicht erhalten, auch sind die Tagebücher Tübkes aus dieser Zeit noch unter Verschluss. Dass Tübke den Auftrag doch noch ausgeführt hat, halten die Autoren Romy Gehrke und Matthias Thüsing für wenig wahrscheinlich. „Ich glaube, Tübke war ein Testballon“, sagt Thüsing. „Die Stasi hat Kunst fälschen lassen, aber das ganz große Geschäftsmodell ist daraus wohl nicht geworden.“ Mit seinen Recherchen aber hat das Duo immerhin dem Museum Friedenstein Gewissheit über das dort gezeigte „Gothaer Liebespaar“ verschafft. Das Gemälde, so ergaben aufwendige Untersuchungen für die Dokumentation, ist echt. Zudem wird es künftig wieder gemeinsam mit fünf wertvollen Bildern aus der Renaissance zu sehen sein, die das Museum jüngst zurückerhielt, nachdem sie vor vierzig Jahren dort gestohlen worden waren. Ob hinter diesem wohl spektakulärsten Kunstraub der DDR freilich auch Schalk-Golodkowskis KoKo steckte, bleibt vorerst ungeklärt.

          KoKo, Kunst und geheime Kopien läuft in Exakt – Die Story, 20.45 Uhr, im MDR.

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