https://www.faz.net/-gqz-a2pbk

MDR-Interview mit Björn Höcke : Keine Fragen

  • -Aktualisiert am

Allgemeinplätze: Björn Höcke beim Interview im MDR. Bild: MDR/Screenshot F.A.Z.

Der MDR wird wegen eines „Sommerinterviews“ mit dem AfD-Politiker Björn Höcke kritisiert. Aber nicht das Gespräch ist ein Skandal. Fragwürdig ist das Denken derer, die ihre politische Haltung mit Journalismus verwechseln.

          2 Min.

          Interviews sind ein klassisches journalistisches Format. Im Mittelpunkt steht dabei nicht der Journalist, sondern der Interviewte. Ihn zu klaren Aussagen zu bewegen, ist die hohe Kunst in diesen von den sozialen Medien bestimmten Zeiten. Ein Versprecher oder ein belangloser Irrtum werden zum Aufreger (heute: „Shitstorm“) der Woche. Deshalb sind Politiker vorsichtig und ergehen sich in Plattitüden.

          Journalisten wissen das natürlich und versuchen, es zu konterkarieren. Manchmal ist es die provokative Gegenposition, manchmal das Weiterdenken der vorgetragenen Argumente. Zuschauer oder Leser sollen sich ihr eigenes Bild machen.

          In jüngster Zeit hat sich eine andere Interviewform herausgebildet: das nicht geführte Interview als Journalismus-Simulation. Einer der führenden Köpfe dieser Richtung ist Georg Restle, Moderator von „Monitor“, einem in früheren Zeiten wichtigen Politikmagazin des WDR. Es hatte Bedeutung, weil es auch Zuschauer erreichte, die nicht mit der politischen Ausrichtung der Redaktion übereinstimmten.

          Hat der Zuschauer kein Recht, sich selbst eine Meinung zu bilden?

          Restle propagiert schon lange das Nicht-Interview. Dieser Tage war es wieder so weit. Es gab die obligatorischen Sommerinterviews des MDR Thüringen mit den im Landtag vertretenen Parteien. Darunter ein Gespräch an diesem Dienstag mit Björn Höcke, dem AfD-Fraktionsvorsitzenden. Er repräsentiert die zweitstärkste Fraktion im Landtag.

          Die Logik der Nicht-Interviewer, keineswegs nur von Restle: Nazis dürfe man keine Bühne bieten. Der Sinn dieser Logik ist nicht so einfach zu verstehen. Fürchten sich die Nicht-Interviewer vor Höckes Einlassungen? Wird man selbst zum Nazi, wenn man ihm Fragen stellt? Hat der Zuschauer kein Recht, sich selbst eine Meinung zu bilden?

          Die Posse nahm ihren Lauf, es wurde laut gegen den MDR getrommelt. Für die anderen Sommerinterviews aus Thüringen hatte sich kein Mensch interessiert. Höcke bekam nun auf allen Plattformen größte Aufmerksamkeit. Das muss man in unserer zerklüfteten Medienlandschaft erst einmal schaffen.

          Was war los? Der MDR-Redakteur Lars Sänger führte ein professionelles Interview, in dem Höcke halt wie ein Politiker argumentierte: Er flüchtete in Allgemeinplätze, wenn es um die desaströse Lage der AfD und seine persönliche Verantwortung dafür ging. Regelrecht komisch wurde es, als Sänger ihn auf Landolf Ladig ansprach. Unter diesem Pseudonym soll Höcke in rechtsextremen Zeitschriften publiziert haben.

          Nur hartgesottene Höcke-Fans werden seinen Auftritt für überzeugend gehalten haben. Inhaltlich ging es unter anderem um die Corona-Pandemie. Die sei vorbei, meinte Höcke. Kurz zuvor hatte er bekannt, wie begrenzt das Wissen über Corona sei. Konsequenterweise müsste er fordern, alle Restriktionen zu streichen. Das tat Höcke aber nicht. Er sprach nur über ein Missverhältnis zwischen Infektionsrisiko und getroffenen Maßnahmen. Da hätte sich nachzufragen gelohnt, damit die Zuschauer wenigstens ahnen, was Höcke und die AfD eigentlich wollen. Indes machte der Interviewer Sänger auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: Die meisten AfD-Wähler unterstützen die Pandemiepolitik der Regierung. Das könnte für die AfD zum Problem werden. Früher hätte das „Monitor“ thematisiert. Als es noch ein ernstzunehmendes politisches Magazin war.

          Weitere Themen

          Zurück zur Krankschreibung per Telefon

          F.A.Z.-Hauptwache : Zurück zur Krankschreibung per Telefon

          Ärzte können ihre Patienten wieder per Telefon krankschreiben. Die FDP fordert, dass sich das Parlament stärker an der Corona-Politik beteiligen kann. Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Hamstereinkäufe : Was, wenn die Nachfrage weiter steigt?

          Im Frühjahr bunkerten die Deutschen vor allem eins: Toilettenpapier. Nun nehmen mit steigenden Infektionszahlen und Beschränkungen auch die Hamsterkäufe wieder zu. Was das für uns bedeutet.
          Einheitsfreude auch in Coronazeiten: Ein schwarz-rot-goldenes Herz am 3. Oktober in Potsdam

          Allensbach-Umfrage : Die Ostdeutschen sind selbstbewusster

          Die deutsche Einheit macht langsam Fortschritte. Die gegenseitigen Vorurteile zwischen Ost- und Westdeutschen sind weniger groß, als es in der öffentlichen Debatte oft scheint. Überraschend ist das Selbstvertrauen in den neuen Ländern.

          Fernsehduell : Wie kann sich Biden gegen Trump behaupten?

          In der Nacht soll die letzte Fernsehdebatte im amerikanischen Präsidentenwahlkampf stattfinden. Voriges Mal konnte Joe Biden kaum ausreden. Rhetorikprofessor Olaf Kramer erklärt, wie der Demokrat diesmal Donald Trump Paroli bieten kann.
          Eine Pflegekraft (l) begleitet die Bewohnerin eines Altenheims mit Rollator beim Gang durch den Flur.

          Zweite Corona-Welle : Alte Menschen nicht einsperren

          Während der ersten Corona-Welle wurden Pflegeheimbewohner isoliert. Inzwischen gibt es andere Strategien für den Umgang mit alten und pflegebedürftigen Menschen. Ein Besuch in einem Heim.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.