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MDR-Intendanz : Frau aus dem Osten mit Vergangenheit

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Auf die Frage, ob und wie sie den Demokratisierungsprozess im Herbst 1989 in der DDR eventuell aktiv mitgestaltet habe, sagte sie, dass sie vom Uni-Hochhaus in der Leipziger Innenstadt von oben die Polizeiketten und die Kräfte der Kampfgruppen gesehen habe, welche die Demonstranten in Schach halten sollten.

Legitimatoren des Unrechtsstaates

Klaus Schroeder, dem Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, erscheint das zu wenig. Er sagte dieser Zeitung, es sei „ein fatales Signal für die notwendige Aufarbeitung der SED-Diktatur, wenn ehemalige Legitimatoren des Unrechtsstaates“ wie Karola Wille „Karriere beim ehemaligen Klassenfeind machen, ohne sich öffentlich ihrer Vergangenheit zu stellen“. Der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse von der TU Chemnitz meint, „die Wahl von Frau Wille wäre ein falsches Zeichen, was die nötige Aufarbeitung im MDR angeht“. Sie sei „mit ihrer Vergangenheit bisher nicht offen umgegangen“. Zudem hätten „in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre längst nicht alle Repräsentanten des wissenschaftlichen Kommunismus beziehungsweise des Marxismus-Leninismus so primitiv argumentiert, wie es Frau Wille getan hat“.

Nach dem Untergang der DDR kam die Kehrtwende. 1991 veröffentlichte Karola Wille in der Fachzeitschrift „ZUM“ (Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht) einen Beitrag, in dem sie zur nicht vorhandenen Pressefreiheit in der DDR schrieb: „Die in der Verfassung verankerten Medienfreiheiten blieben unverbindliche, nicht justitiable Leitsätze, wobei auch das Fehlen einer Verfassungsgerichtsbarkeit begünstigend wirkte.“ Im selben Jahr erlangte die MDR-Justitiarin nach eigenen Angaben die Lehrbefähigung für das Fach Medienrecht und wechselte von der Uni für kurze Zeit in das Rechtsamt der Stadt Leipzig. Im November wurde sie dann Referentin in der Juristischen Direktion des MDR. Seit November 1996 ist sie die Chefin der Abteilung.

Die Karriere in der DDR ist Vergangenheit, in der Gegenwart wird Karola Wille von vielen ein gutes Zeugnis ausgestellt, in der Regionalpresse wird ihre wahrscheinliche Wahl bejubelt - eine Frau aus dem Osten an der Spitze des MDR! Doch es gibt auch Leute im Sender, die Zweifel haben, ob Karola Wille als Intendantin in der Lage sein wird, die Kontrollmechanismen im Sender, an denen sie teilhatte und die ganz offenbar versagt haben, auf Vordermann zu bringen. Dass der ehemalige Unterhaltungschef Udo Foht seltsame Zahlungen veranlasste - es geht um Summen zwischen 10 000 und 180 000 Euro -, fiel erst in diesem Sommer auf.

Den Gremien des MDR, sagte der MDR-Verwaltungsratsvorsitzende Gerd Schuchardt, nachdem er und seine Kollegen sie im zweiten Anlauf zur Kandidatin bestimmt hatten, sei Karola Wille „als kompetente und engagierte Führungspersönlichkeit bekannt“. Schuchardt muss das sagen. Er weiß, dass nach der ersten misslungenen Wahl, zu welcher der Chefredakteur der „Leipziger Volkszeitung“, Bernd Hilder, angetreten war, bei einer nochmaligen Pleite das Chaos droht. Also werden auf allen Seiten die Truppen eingeschworen. Karola Wille wolle den Sender „zukunftsfähig“ machen und die junge Generation stärker einbeziehen, sagt der Verwaltungsratschef. Sie setze auf die Aufklärung der verschiedenen MDR-Affären und auf Transparenz. Das wird noch zu beweisen sein.

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