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Chemnitz-Doku im Ersten : Eine Tat und ihre Folgen

Symbol von Chemnitz: Karl-Marx-Denkmal Bild: dpa

Der MDR hat eine sehenswerte Dokumentation gedreht, die schon vor der Ausstrahlung wegen einer abgesagten Podiumsdiskussion für Furore sorgte: „Chemnitz - Ein Jahr danach“.

          3 Min.

          Nähert man sich Chemnitz auf der Autobahn – und es gibt kaum eine andere Möglichkeit, da es eine Großstadt ist, in der die Deutsche Bahn keinen ICE halten lässt –, sieht man sogenannte touristische Hinweisschilder, auf denen die Stadt seit zehn Jahren mit dem Slogan „Stadt der Moderne“ für sich wirbt. Chemnitz war und ist ein Zentrum der Industriekultur, des Bauhauses und der modernen Formgestaltung, nur hatte sich diese Kunde bis zum August vergangenen Jahres nicht allzu weit verbreitet. Umso wirksamer konnten so im Nu Bilder von Wut, Hetze und rechtsextremer Gewalt das Image der Stadt prägen. Mit Chemnitz, so sagte die Oberbürgermeisterin damals beinahe schon fatalistisch, verbänden viele nur noch „Aufmärsche, Hitlergruß und einen nackten Arsch“. Letzteren hatte einer der Rechtsextremisten den Kameras entgegengestreckt.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          An diesem Montag ist der erste Jahrestag der furchtbaren Ereignisse, bei denen erst ein 35 Jahre alter Mann mutmaßlich von zwei Asylbewerbern erstochen wurde und anschließend AfD, Pegida und Bürger Seite an Seite mit gewaltbereiten Hooligans und Rechtsextremisten auf sogenannten Trauermärschen durch die Stadt zogen und gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung protestierten. Die dabei verübten Straftaten arbeitete die Justiz auf, der Prozess gegen einen der tatverdächtigen Asylbewerber ging vergangene Woche mit einem Urteil über neuneinhalb Jahre Haft zu Ende. Die Stimmung in und der Ruf der Stadt aber sind damit nicht geheilt, was die MDR-Dokumentation „Chemnitz – ein Jahr danach“ zum Anlass nimmt, zu erkunden, wie die Ereignisse Chemnitz seitdem geprägt haben.

          Die Protagonisten, darunter ein Unternehmer, eine Aktivistin der Grünen Jugend, ein Gastwirt, zwei Polizisten, eine ausländische Professorin, ein AfD-Mitglied und eine syrische Familie, zeigen ein vielfältiges Bild, doch fehlen leider Vertreter der älteren bürgerlichen Mitte, die der im Film zitierten Statistik zufolge doch das Gros der Stadt ausmachen.

          Doku zeigt Alltag der Protagonisten unvoreingenommen

          Mit knapp 47 Jahren Altersdurchschnitt ist Chemnitz die deutsche Großstadt mit der ältesten Bevölkerung, was einen Teil der besorgten Stimmung ausmache, wie ein Polizist erklärt: Der Chemnitzer geht abends lieber nicht weg, sondern trinkt sein Bier im Kleingarten und eilt möglichst vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause. Fast die Hälfte der Chemnitzer fühle sich im Zentrum unsicher, ergab eine Umfrage 2018, obwohl laut Statistik die Kriminalität im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent sank. Neu ist, auch das spart der Film nicht aus, dass dreißig Prozent der Täter in der Statistik Ausländer sind – überproportional viele, genauso wie der Anteil an Rechtsextremisten, der laut einer Schätzung des Verfassungsschutzes in Chemnitz fast dreimal so hoch wie in ganz Deutschland sei.

          Eine Stärke der Dokumentation ist es, wie sie die Protagonisten nüchtern und unvoreingenommen in ihrem Alltag zeigt und so ein differenziertes Bild der Stadt vermittelt. Im Fall des AfD-Mitglieds Arthur Österle, der vor einem Jahr als Ordner der rechtsextremen Vereinigung „Pro Chemnitz“ aufgetreten war, sich aber mittlerweile davon losgesagt hat, hatte das zuvor heftigen Protest ausgelöst, woraufhin der MDR seinen Plan aufgab, zur Premiere mit ihm und weiteren Mitwirkenden des Films auf einem Podium zu diskutieren.

          Dann aber sei Teilnehmern zufolge doch eine gute Diskussion mit Mitwirkenden entstanden, die statt auf dem Podium eben im Publikum Platz genommen hatten. Österle habe sich heftige Kritik anhören müssen, er selbst jedoch habe dem Film Respekt gezollt, weil er ein Versuch sei, einen Dialog in Gang zu bringen. Der MDR entgegnete Kritikern zu Recht, dass der Film ein Spiegel der Realität sei, die man abbilden wolle. Die Frage, ob man mit Rechten rede oder nicht, sei so leicht nicht zu beantworten, sagte MDR-Programmdirektor Wolf-Dieter Jacobi. Den daraus resultierenden Konflikten müsse man sich jedoch stellen.

          Für manche womöglich überraschend dürften die Bilder aus der Technischen Universität Chemnitz sein, die mit dreißig Prozent ausländischen Lehrkräften und Studenten zu den deutschen Universitäten mit dem höchsten Ausländeranteil zählt. Die Ereignisse seien für viele ein Schock gewesen, berichtet ein Student aus Indien, ansonsten aber habe sich für ihn und seine Kommilitonen nichts verändert. Die Furcht, dass weniger Wissenschaftler aus dem Ausland nach Chemnitz kommen würden, habe sich nicht bewahrheitet. „Im Grunde genommen sind wir auch die Mehrheit“, sagt eine Professorin. „Die Mehrheit ist ja die, die weltoffen ist, ob man das nun akzeptieren will oder nicht.“ Seit einigen Jahren verzeichnet Chemnitz, das nach 1990 mehr als 60.000 Einwohner verlor, wieder Zuzug, doch es bleibt die Frage, wie Gräben in der Stadt überwunden werden können. Glaubt man dem Optimismus der meisten Protagonisten, dann bieten die Ereignisse vom vergangenen Jahr auch eine Chance – nämlich die, mit eigener Kraft gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

          Chemnitz – ein Jahr danach läuft heute um 22.45 Uhr im Ersten und in einer Kurzversion am 28. August um 20.45 Uhr im MDR.

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