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McCarthy-Porträt bei Arte : In der Politik zählt nur die große Lüge

  • -Aktualisiert am

Auf Verleumdungskurs: Joe McCarthy (John Sessions, links) mit seinem engsten Mitarbeiter Roy Cohn (Trystan Gravelle) Bild: Willi Weber/ZDF

Lutz Hachmeister analysiert in Form eines dokumentarischen Dramas Joseph McCarthys Kommunistenhatz im Amerika der fünfziger Jahre und die Folgen: „Der wirkliche Amerikaner“.

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          Wie sieht er aus, der wirkliche Amerikaner? Reitet er durch den Wilden Westen? Spekuliert er an der Wall Street? Spielt er in einem Jazzclub? Oder predigt er in einer Kirche? In Lutz Hachmeisters Dokudrama hat er deutsch-irische Wurzeln, stammt aus Wisconsin und jagt nicht Pferde oder das große Geld, sondern Kommunisten: Joseph McCarthy, der in den fünfziger Jahren als Senator die Vereinigten Staaten in Atem hielt mit seiner Kommunistenhatz, dem „McCarthyismus“.

          Auf die Frage, was das denn sei, antwortete McCarthy selbst, es handele sich darum, einen Kommunisten so zu bezeichnen, bevor er wenig später als solcher entlarvt werde. Fragt man Kritiker, dann verbindet sich damit eine medial inszenierte Hexenjagd.

          Aufstieg durch Beschuldigungen

          McCarthys Aufstieg begann, als er während einer Wahlkampfrede 1950 anführte, er besitze eine Liste mit den Namen von 205 Mitgliedern der Kommunistischen Partei, die im Außenministerium arbeiteten. Wenig später dehnte McCarthy seine Anschuldigungen noch aus und behauptete, auch FBI, CIA, Armee sowie die Regierung von Präsident Eisenhower (seines republikanischen Parteigenossen) seien kommunistisch unterwandert.

          Ohne je Beweise für die Infiltration der Behörden zu liefern, fand McCarthy dennoch Gehör. Binnen kurzer Zeit war der Farmerssohn eine ebenso bekannte wie gefürchtete Figur in Washington. Zu Zeiten der „second red scare“, der abermaligen Furcht vor der kommunistischen Weltrevolution, konnten viele Amerikaner dem scharfen Ton gegen die Feinde im Kalten Krieg etwas abgewinnen.

          Kurze Karriere mit großer Wirkung

          Kommunisten als Bürger zweiter Klasse, als nachrangige Lebensform, ja als Krankheit, als Virus, das ausgemerzt werden müsse - so die Rhetorik McCarthys. Als Kommunist galt übrigens, wer auch nur ein Buch von Marx je in Händen gehalten hatte. Oder wer sich bei einem Verhör vor dem „McCarthy-Ausschuss“ auf den fünften Zusatzartikel der Verfassung berief und die Aussage verweigerte. Seine jungen Assistenten schickte McCarthy im Frühling 1953 auf „book-burning mission“: Sie sollten in amerikanischen Institutionen in Europa kommunistische Literatur konfiszieren und vernichten, so auch in Bonn, Berlin, Frankfurt und München.

          McCarthys Reputation begann zu bröckeln, nachdem es dem Fernsehjournalisten Edward R. Murrow in der Sendung „See It Now“ im Herbst 1953 gelungen war, ihn als schamlosen Populisten aussehen zu lassen - eine Geschichte, die George Clooneys Kinofilm „Good Night, and Good Luck“ (2005) brillant nacherzählt. Nachdem McCarthy schließlich der Armeeführung vorgeworfen hatte, russische Spione zu unterstützen, hatte er selbst einem Komitee Rede und Antwort zu stehen. In einer live im Fernsehen übertragenen Anhörung attestierte der Militärvertreter McCarthy fehlenden Anstand - es war das Ende seiner Karriere.

          Dokudrama präsentiert sich als Show

          Verheiratet mit seiner Sekretärin Jeannie Kerr, verstarb McCarthy 1957 mit 48 Jahren - offiziell an Hepatitis, de facto an Alkoholsucht. Zur Ironie der Geschichte gehört, dass McCarthy auf der Bühne unterging, die er genutzt hatte - die der medial vergrößerten bürokratischen Ausschüsse, die er zur Vorhölle der Verdächtigung formte. Hachmeisters Film beeindruckt mit zahlreichen Aufnahmen, die vom Beginn der Live-Ära des Fernsehens und von der medialen Mobilmachung der amerikanischen Politik zeugen. Zeitzeugen treten hervor, etwa der Präsident Eisenhower und der Harvard-Professor Leon Kamin, der selbst Opfer des „McCarthy-Ausschusses“ wurde. Er verlor vorläufig seine Doktorandenstelle, nachdem ihm der Senator vorgeworfen hatte, ranghohes Mitglied der Kommunistischen Partei sowie sowjetischer Agent zu sein. Nichts stimmte.

          Die Bilder des Films ziehen schnell vorbei, unzählige Stimmen kommen zu Wort. Das Dokudrama präsentiert sich selbst als große Show, nachgespielte Szenen dienen dazu, Privatissima zu liefern: McCarthys Sauferei und das Verhältnis zu seiner Sekretärin, die er schließlich heiratet. Etwas weniger Szenen dieser Art hätten dem Film nicht geschadet. McCarthy habe instinktiv verstanden, so der Tenor vieler Gespräche, dass nur die großen Lügen politisch zählten. Kleine Lügen führten zu nichts. Zwar gab es Sowjetspione in den Vereinigten Staaten, von denen McCarthy jedoch keinen einzigen enttarnte. Was es nicht gab, war die Liste mit 205 Schläfern.

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