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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Ist Amerika im Mittleren Osten noch unentbehrlich?

  • -Aktualisiert am

Moderatorin Maybrit Illner Bild: dpa

Die Lage in Iran und im Irak ist verworren. Maybrit Illners Gäste bekräftigen diesen Eindruck.

          5 Min.

          Im Herbst 2005, gerade war der Machtwechsel zur Großen Koalition vollzogen, veranstaltete das Auswärtige Amt zusammen mit der Bertelsmannstiftung eine Fachtagung über Sicherheit und Zusammenarbeit im Mittleren Osten. Alle Anrainerstaaten des Persischen Golfes waren hochrangig vertreten. Iran hatte einen regimenahen Politikwissenschaftler geschickt, der glaubhaft zu machen versuchte, dass der Wächterrat der Islamischen Republik ein maßgebliches Ziel verfolgte: die Stabilität des Status Quo in der Region.

          Zweifel an dieser Aussage haben sich als berechtigt erwiesen. Iran hat neben dem Atomprogramm seinen Einfluss über Schiiten in den arabischen Staaten systematisch ausgebaut. Die Drohungen des früheren Präsidenten Ahmadinedschad gegen Israel sind unvergessen. Unterschätzt blieben Aspekte der zivilgesellschaftlichen Entwicklung in Iran. Die grüne Revolution nach dem Wahlbetrug Ahmadinedschads im Jahr 2009 führte sogar dazu, dass auf Bitten der amerikanischen Außenministerin der Kurznachrichtendienst Twitter eine technische Überholung aufschob, um der iranischen Bürgerbewegung einen wichtigen Kommunikationskanal zu erhalten. Weitab vom Regime schicken die bürgerlichen Familien ihre Kinder nicht nach Ghom, sondern zu Studien in die westliche Welt. Beklagenswert, dass an Bord des offenbar von einer Flugabwehrrakete abgeschossenen ukrainischen Flugzeugs auch 60 postgraduierte Studenten ums Leben gekommen sind, die in Kanada studiert hatten.

          Der Westen ist attraktiver als die Mullahs

          Die akademisch gebildete Jugend Irans hat nichts im Sinn mit dem Regime und seinem Tamtam. Die westliche Welt finden sie verlockender als die Mullahs. Die Massenaufläufe bei den Trauerfeiern um Generalmajor Soleimani verfolgten sie fassungslos aus der Ferne. Die jüngere Geschichte der Islamischen Republik Iran kannte mehrere historische Augenblicke, in denen sich die Zivilgesellschaft vernehmbar zu Wort gemeldet hat.

          Das war 1988 in Isfahan der Fall, als trauernde Mütter dagegen protestierten, dass ihre Söhne von den Revolutionsgarden in die irakischen Minengürtel gejagt wurden. Die Massenproteste im November 2019 sind von den Amerikanern nicht verstanden worden. Sie bezeugten, dass die Sanktionen wirken und den Alltag durch galoppierende Inflation beschweren. Die Tötung des Generals hat das Regime, vorübergehend, stabilisiert.

          Ulrike Becker vom Mideast Freedom Forum in Berlin freut sich über den Tod des „Peinigers Soleimani“. Dass der General angeblich auf dem Weg war zu einem Gesprächsangebot an die Saudis, spielt für sie keine Rolle. Das ist für eine Verteidigerin israelischer Sicherheitsinteressen erstaunlich unterkomplex. Kein Wunder, dass Sigmar Gabriel trocken dazu bemerkt, dass er in dem Angriff keine Strategie erkenne. Die jesidisch-kurdische Kriegsreporterin und Journalistin Düzen Tekkal nennt den Irak einen „failed state“. Wer wollte ihr widersprechen? Der amtierende Ministerpräsident hat nach Massenprotesten seinen Rücktritt angekündigt und wird vom Parlament dazu aufgefordert, die ausländischen Truppen alle nach Hause zu schicken.

          Trump unter Feuer von Fox

          Der Historiker und Orientalist Daniel Gerlach weitet den Blick auf die Lage. Im Kontrast zu den symbolischen Vergeltungsraketen der Iraner seien die Rachegelüste des schiitischen Widerstands noch lange nicht gestillt. Sie nähmen sich Zeit. Die fehlt dem amerikanischen Präsidenten, der seine erste Wahl mit dem Versprechen gewonnen hat, keine neuen Kriege anzufangen und die Truppen nach Hause zu holen, wie Elmar Theveßen bemerkt. Trump stieß sogar bei seinem Lieblingssender Fox auf scharfe Kritik. Theveßen wundert sich darüber, dass kein Verantwortlicher der amerikanischen Regierung die möglichen Folgen des Anschlags auf Soleimani bedacht zu haben scheint. Die chaotischen Stellungnahmen des Präsidenten und seine Kurzatmigkeit bezeugen das. Immerhin hat er nicht festgestellt, dass der Bündnisfall eingetreten ist, appelliert aber an die NATO-Verbündeten, sich an der Stabilisierung in der Region zu beteiligen.

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