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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Geländegewinne für den Deutschenversteher

Die Runde bei Maybrit Illner: Kevin Kühnert, Maybrit Illner, Katrin Eigendorf, Roderich Kiesewetter, Johannes Varwick und in der Schalte: Eva Quadbeck Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Schauen russische Diplomaten deutsche Talkshows, um Putin über die Lage an der hiesigen Meinungsfront zu unterrichten? Wenn ja, dürften ihnen die Zweifel an unserem Durchhaltevermögen, die bei „Maybrit Illner“ laut wurden, gefallen haben.

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          Eine Mentalitätsgeschichte der Deutschen im frühen 21. Jahrhundert wird eines Tages dem Phänomen nachzugehen haben, warum hierzulande bestimmte Staatsmänner außer Dienst umso mehr im Ansehen steigen, je länger ihre gar nicht so ruhmvolle Amtszeit zurückliegt. Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt war so ein Fall. Und noch erstaunlicher ist das anerkennende Raunen, das die Nennung des Namens von Henry Kissinger auslöst. Vielleicht liegt das Erfolgsgeheimnis in den vielen Bücher, in denen sich die beiden als Weise der globalen Ordnung inszeniert haben: Man muss weltpolitische Strategien nur abstrakt genug formulieren, um Zynismus den Anschein von Aufklärung zu geben.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

          Der 99 Jahre alte Kissinger hat vor kurzem wieder einmal von sich reden gemacht, als er während des Weltwirtschaftsforums die Meinung äußerte, dass man die europäische Stabilität nicht für ein paar Quadratkilometer im Donbass aufs Spiel setzen solle. Eine Niederlage Russlands würde zu dessen Demütigung führen, und auch das wäre nicht gut für die Stabilität, so der ehemalige US-Außenminister. Deshalb müsse die Ukraine künftig so weise agieren, wie sie derzeit tapfer sei.

          Wer eigentlich sitzt in der Ecke?

          Mitglied im Team Kissinger in Deutschland ist der Politologe Johannes Varwick, der an der Universität Halle lehrt. In der Talkshow von Maybrit Illner gerierte er sich am Donnerstagabend als Realpolitiker und plädierte dafür, den Konflikt in der Ukraine „einzufrieren“. Dem Westen müsse daran gelegen sein, einen nüchternen, „vielleicht schmutzigen“ Interessenausgleich mit Russland hinzubekommen. Nach der Lesart von Varwick ist es unverantwortbar, die Ukraine mit Waffenlieferungen in die Lage zu bringen, einen aussichtslosen Kampf zu führen. Was in einem merkwürdigen Widerspruch zu Varwicks Äußerung stand, man dürfe jemanden, der in der Ecke sitze, nicht noch treten – womit er Russland meinte.

          Der Verzweiflung ob solcher Einlassungen nah, merkte CDU-Verteidigungsexperte Roderich Kiesewetter mit leiser Stimme an, dass doch wohl eher die Ukraine in der Ecke sitze. Er war es auch, der darauf hinwies, wie geschickt Putin die Bevölkerung in den einzelnen Länder in der EU mit unterschiedlichen Maßnahmen einzuschüchtern versuche. Bulgarien und den Niederlanden drehe er den Gashahn zu, während er in Deutschland die Angst vor einer bevorstehenden Eskalation zu einem großen Krieg schüre. Wie recht Kiesewetter hat: Varwicks Reaktion ist ein weiteres positives Testergebnis, das dem Deutschenversteher Putin anzeigt, mit seiner psychologischen Kriegsführung auf dem richtigen Weg zu sein. Alice Schwarzer und Mitstreiter sind auch schon länger infiziert.

          Leider verabsäumte es die Moderatorin, die fahrige und gute Momente hatte, Varwick zu einer Konkretisierung seiner Vorstellungen aufzufordern: Welchen Druck könnte der Westen aufbauen, um Putin zum „Einfrieren“ des Krieges zu bewegen? Was wäre damit perspektivisch an Sicherheit für den Westen gewonnen? Sollen die Verhandlungen über die Köpfe der Ukrainer hinweg geführt werden?

          Die ZDF-Auslandsreporterin Katrin Eigendorf konnte aus eigener Anschauung berichten, dass die Verzweiflung unter den Ukrainern über die Verluste in Putins Vernichtungskrieg wachse. Aber gerade deshalb steige auch die Gewissheit, weiterkämpfen zu müssen. Sie habe in der Ukraine niemanden gesprochen, der gesagt hätte, man solle sich zurückziehen. Und Kiesewetter wies darauf hin, dass in der ukrainischen Bevölkerung mit der Dauer des Krieges der Wunsch wachse, den Preis für die Russen nach dem Krieg zu erhöhen. Angesichts dieser Entwicklung sei es gut, dass Präsident Selenskyj lediglich die Wiederherstellung der Grenzen vom Januar befürworte, was nicht die Krim einschließe.

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