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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Nehmt Putins Interessen ernst!

Gesehen und gemeint: Maybrit Illner mit ihren Gästen Alexander Graf Lambsdorff, Martin Schirdewan, Marina Weisband, Julian Nida-Rümelin, Carlo Masala und Nicole Deitelhoff Bild: Illner/ZDF

Bei Maybrit Illner erhielt der Philosoph Julian Nida-Rümelin den Zuschlag fürs Große und Ganze. An seinem Auftritt macht sich die Teilhabe-Psychologie der Talkshow fest.

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          Für den Philosophen Julian Nida-Rümelin hält die Moderatorin den Satz bereit: „Darüber werden wir wahrscheinlich nicht mehr schaffen zu diskutieren, aber wir merken uns diesen Gedanken.“ Es gehört zum pädagogischen Repertoire Maybrit Illners, ihren Gästen nicht etwa trampelig, sondern mit hauchfeinem Spott das Wort abzuschneiden genau an der Stelle, wo es erwartbar wird und also nur Sendezeit zu stehlen droht.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Illner geht dabei, bei der Abschneidung des Wortes, stets so vor, als bestünde Einvernehmlichkeit darüber, dass das abgeschnittene Wort gleichwohl bedeutsam sei, bereichernd und belehrend, und nicht etwa Geschwafel. Als müsse der abgeschnittene Gast mit der Tatsache seines Abgeschnittenwerdens versöhnt werden, wird ihm bescheinigt, klug zu sprechen, auch wenn leider jetzt jemand anders aus der Runde drangenommen werden müsse. Die Gäste glauben es nur allzu gerne, im Zweifel ist ihnen das angedeutete Kompliment lieber, als den Gedanken, der ihnen auf der Zunge liegt, auch noch entwickeln zu dürfen.

          Wenn fürs Streiten gerade keine Zeit mehr ist

          Im Falle von Nida-Rümelin kleidete Illner ihr Kompliment zum Hinauskomplimentieren des Gastes aus dem Am-Drücker-Sein in das Versprechen, sein Gedanke sei bedeutsam genug, um nicht vergessen zu werden, wenn er nur bitte nicht auch noch diskutiert zu werden braucht! „Wir merken uns diesen Gedanken“ – Musik in den Ohren eines Philosophie-Professors, der von Berufs wegen mit dem Argwohn lebt, gegen Wände zu reden, nicht hinreichend gehört und verstanden zu werden, zumindest nicht in der ganzen Komplexität und Auf-den-Punkt-Gebrachtheit seiner Gedanken, die immer wieder achtlos verpuffen, ohne in ihrem weltrettenden Gehalt von irgendjemandem gemerkt, geschweige denn in die Tat gehoben zu werden. „Wir merken uns diesen Gedanken“, in der Videothek des ZDF ist er gut aufgehoben, merke: Merken kostet nichts.

          Leitend ist hier eine Psychologie der Partizipation, die ungefähr so geht, dass das Bedürfnis, gemeint und gesehen zu werden, ohnehin das Wichtigste an der Absonderung eines Wortbeitrags ist. Wird dieses Gefühl in mir bestätigt, fühle ich mich also gemeint und gesehen mit dem, was ich sage, so ist das schon die halbe Miete. Es ist dieser therapeutische Aspekt, den Illner keine Sekunde lang aus den Augen verliert und der sozusagen als Superargument herhalten muss, wenn fürs Streiten gerade keine Zeit mehr ist (oder einfach kein Nerv). Im Falle von Nida-Rümelin ging Illners Kalkül auf, er ließ sich zufriedenstellen im gewährten Gefühl der Teilhabe, da war kein Aufbegehren, kein Nachhaken des Philosophen, allenfalls ein Hauch von „Der Klügere gibt nach“.

          Wer sagt denn überhaupt, dass jedes Argument beim Nennwert genommen und aus- oder auch nur andiskutiert werden muss? Talkshows sind zuvörderst Agenturen der Partizipation, nicht Arenen für den zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Partizipation ist so gesehen kein Dauerzustand, als gewesenem Staatsminister ist das Nida-Rümelin bekannt, sondern ein stundenweise wiederkehrender Moment, in dem jemand seine öffentliche Geschichte weiterschreibt, einen Abend lang sich gesehen und gemeint fühlen kann. Danach gehen die Lichter wieder aus. Das teilhabende Subjekt entsteht in dem Moment, wo Illner ihre Runde begrüßt, und zerfällt, wo sie sie wieder verabschiedet.

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