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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Und hinter 1000 Fragen keine Welt

Sprachen bei „Maybrit Illner“ über Krise und Krieg (von links): Omid Nouripour, Christian Lindner, Maybrit Illner, Friedrich Merz, Eva Quadbeck, Katja Gloger Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Bei Maybrit Illner soll die Frage beantwortet werden, ob Deutschland durch Krieg und Krise überfordert ist. Wie es um Deutschland steht, wird nicht ganz klar, wohl aber, dass die Fragestellung das Format überfordert.

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          Ja, es war ein „harter Nachrichtentag“ – von Gasumlage zu Gaspreisbremse, die Inflation bei zehn Prozent, die angekündigte Annexion der besetzten ukrainischen Gebiete durch Russland – aber was für ein Durcheinander bei Maybrit Illner. „Krieg und Krise – ist Deutschland überfordert?“, mit dieser Frage war ihre Sendung am Donnerstagabend überschrieben. Und man fragte sich schon bei der Ankündigung, wo soll diese völlig überdimensionierte Frage hinführen? Natürlich hätten die Eingeladenen – die Journalistin und Putinbiografin Katja Gloger, der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, der Vorsitzende der Grünen, Omid Nouripour, die stellvertretende Chefredakteurin des Redaktionsnetzwerks Deutschland Eva Quadbeck und der Überraschungsgast, Bundesfinanzminister Christian Lindner von der FDP – diese Frage einfach ehrlich mit Ja beantworten können – und fertig.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber weil sich keine anständige deutsche Talkshow vor dem bisschen Komplexität fürchtet, ging es, nachdem Kanzler Olaf Scholz die heute beschlossene Gaspreisbremse (200 Milliarden für die Deckelung der Gaspreise) schon als Doppelwumms (offizielle SPD-Schreibweise „Doppel-Wums“) bezeichnet hatte, auch bei Maybrit Illner um Fragen und Sachverhalte, auf die fast niemand in dieser Runde klare Antworten fand. Klar – aus Lindners Sicht – war nur, dass Deutschland sich in einem „Energiekrieg um Wohlstand und Freiheit“ befindet. Klar – aus Quadbecks Sicht – war, dass der Wohlstandsverlust schon in der Gesellschaft angekommen sei. Doch bevor sich klären ließ, worin er genau besteht, wessen Verlust und wessen Freiheit da eigentlich gemeint ist, und ob das eine das andere notwendig bedingt, ging Maybrit Illner schon wieder dazwischen und versuchte die Debattenzone mit großen Worten einzugrenzen, irgendwo zwischen Mario Draghis „whatever it takes“ und „too little, too late“.

          Nächste Killerfrage: Reichen die 200 Milliarden? Das weiß natürlich auch keiner. Ach doch, Friedrich Merz? Nein, doch nicht: Der warnt nur davor, aus Doppelwumms dürfe nicht „Doppelmurks“ werden. Der Einwand, hier werde von der Regierung ein „Preisschild“ an ein Produkt gepappt, das man noch nicht kenne – geschenkt. Man fragt sich kurz, welcher Politiker je der Versuchung widerstehen konnte, die Menge an Geld, die man zum Wohle des Volkes in die Hand nimmt, vor den eigentlichen Maßnahmen und ihren möglichen Konsequenzen zu nennen.

          Eigentlich könnten jetzt alle nach Hause gehen

          Dann wieder Quadbeck, die aus dem grassierenden Wohlstandsverlust einen „ökonomischen Druck“ ableitet und die Umfragewerte („Wenn Sonntag Bundestagswahl wäre...“) der Regierung ins Spiel bringt, was angesichts der Größe der verhandelten Themen merkwürdig klein wirkt. Also Frage an Lindner: Hat sich die Regierung zu viel Zeit gelassen? Doch der kommt mit dem Antwortversuch „wir sind spitze in Europa...“ nicht weit und ärgert sich: „Darf ich mal einen Satz zu Ende reden?“

          Grünen-Chef Omid Nouripour tut sich schwer an diesem Abend, hebt an, die Gerechtigkeitslücken, die er durch die Gaspreisbremse geschlossen sieht, zu benennen, wird jedoch bei jeder Unkonzentriertheit von Illner unterbrochen oder gar nachgeäfft, als er umständlich von einer „Synchronisation der Vertrauensgrundlage“ innerhalb der Ampelkoalition spricht. Wesentlich mehr Substanz gibt es bis zu diesem Zeitpunkt aber nicht, immerhin Einigkeit in folgenden Belangen: Man ist ganz am Anfang der Lösung, die Sache ist sehr kompliziert, gewissermaßen eine „Operation am offenen Herzen ohne Narkose“ (Merz). Eigentlich könnten jetzt alle nach Hause gehen. Lindner ist genervt. Für ihn gibt es in der Sendung zu viel Rückblick, er wolle lieber nach vorn blicken.

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