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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Zu zweit im Kreuzverhör

Zu Gast bei Maybrit Illner: Wirtschaftsminister Robert Habeck (l.) und Christian Sewing (r.). Bild: ZDF/Jule Roehr

Wie groß ist das Vertrauen der Bürger in die Regierung? Diese Frage diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen Vizekanzler Robert Habeck und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Ausgerechnet Letzterer lieferte Antworten.

          4 Min.

          Das war doch einmal eine gute Sache. Die Talkmasterin Maybrit Illner lädt den Vizekanzler und den Chef der größten deutschen Bank zur Diskussion ein, und es wird konzentriert und gar nicht so hektisch wie sonst häufig über den Zustand des Landes diskutiert. Es ließe sich in der Forderung zusammenfassen: Bitte öfter so.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der inhaltliche Bogen der Sendung ist einfach nachzuzeichnen: Über die Frage, ob die lange geschundenen Banken und die in diesem Jahr zeitweise stark strauchelnde Bundesregierung noch Vertrauen genieße, hangelte sich Illner über die Ausgestaltung der Gaspreisbremse und die Inflation bis zur Frage, wie Deutschland wettbewerbsfähig bleibt.

          Eine Sendung mit klarer Struktur und wenig Dazwischengerede. Die Talkmasterin zeigte sich insbesondere gegen Regierungsmitglied Robert Habeck angemessen bissig, mit einer gewissen Freude, vermeintlich verheilte Wunden noch einmal aufzubohren. Das entspricht ihrer Rolle. Habeck gefällt es nicht („Irrelevante Fragen“, „Sie machen Ihre Sendung“). Man kann also sagen, nach den Scharmützeln im Sommer über das Weiterlaufen von Atomkraftwerken mit dem Koalitionspartner FDP ist der Grünenpolitiker weiterhin gereizt, aber auch wieder selbstgewisser, dass die vergangenen Beschlüsse Erfolg haben werden.

          Der Deutsche-Bank-Chef stützt den Minister

          Christian Sewing ist weit über den Zustand der Gereiztheit hinaus. Über die schwierigen Zeiten der Deutschen Bank vor, während und nach der Finanzkrise kann deren Chef mit einigem Abstand inzwischen sagen: „Wir müssen zu unseren Fehlern stehen. Wir haben zum Teil zu spät aufgeräumt. Das haben wir jetzt getan und sind deutlich kundenzentrierter. So haben wir Vertrauen zurückgewonnen.“

          Sewing sieht ein Risiko darin, dass zum wiederholten Male Unternehmen in einer Krise gerettet werden müssen. Das aber sei keine neue Art der Kapitalismus, sondern Folge den Notwendigkeiten unerwartet eingetretener Ereignisse. Permanentes Retten werde zum Teil vom Staat erwartet. „Das kann aber nicht immer das Schema sein, deshalb müssen wir an unserer langfristigen Wettbewerbsfähigkeit arbeiten“, sagte er.

          Er teile nicht die Meinung, dass die Deutschen mehrheitlich mit der politischen Reaktion auf die Krise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine unzufrieden seien. Die wenigsten hätten allerdings eine zweistellige Inflationsrate selbst erlebt. Hilfen seien notwendig, weil es viele Unternehme gebe, für die erhöhte Energiepreise keine Kapitalfrage seien, sondern die Liquidität abschnüre. Deshalb müssten diejenigen Unternehmen gestützt werden, die unverschuldet in die Krise geraten sind. Im kommenden Jahr noch nicht, aber ab 2024 müsse dafür gesorgt sein, dass die Inflation wieder normale Höhen erreiche.

          Habeck hält Korrekturen auch in der Zukunft für normal

          Sewing also positioniert sich nicht als Regierungskritiker. Dafür muss sich Habeck vielen kritischen Fragen von Illner stellen. Der Bundesregierung sei es von Beginn an darum gegangen, Bürger und Unternehmen zu entlasten. Nun gebe es Rechtssicherheit, weil ab Dezember die Gaspreisbremse mit Hilfe des Dezemberabschlags kommt. „Die Versorger wissen, dass sie den Antrag stellen müssen. Es ist lange geplant“, sagte er. Vollständige Verteilungsgerechtigkeit lasse sich bei Maßnahmen, die schnell und unmittelbar wirken sollen, nicht herstellen. Statt eines Abschlags hätte der Bedarf auch aufwendiger mit Meldebögen ermittelt werden können. „Das wäre gerechter gewesen, aber dann hätten wir nie ausgezahlt“, betonte Habeck.

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