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TV-Kritik „Maybrit Illner“ : Vom Krieg ohne Pathos

Die ZDF-Polit-Talkshow «Maybrit Illner» hat am Donnerstag ohne Namensgeberin und Moderatorin Maybrit Illner auskommen müssen. Bild: dpa

Maybrit Illner hat Corona, Theo Koll sprang ein. Auch sonst überraschte die Sendung: Die Gäste verkniffen sich rhetorische Schneidigkeit und Betroffenheitslyrik. Stattdessen wurde die frustrierende Komplexität der Lage ausgeleuchtet.

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          Es gab genau zwei Überraschungen bei dieser Ausgabe von „Maybrit Illner“. Zum einen trat nicht Illner auf, sondern ihr Kollege Theo Koll. Er sagte zu Beginn: „Maybrit Illner heißt heute ausnahmsweise Theo Koll. Der vertrauten Gastgeberin dieser Runde, die leider corona-positiv getestet wurde, wünschen wir einen milden Verlauf und gute Genesung.“

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Zum anderen überraschte die Sendung damit, dass sie ohne den Ton der Schneidigkeit auskam, wie er derzeit in der vermeintlich gereinigten Luft liegt; ohne den rhetorischen Aufmarsch von Eindeutigkeiten, euphorisiert von eigenen Umschwungsgefühlen, in denen man immer schon alles gewusst zu haben meint, jetzt aber endlich, endlich, endlich die noch ausstehenden (und dann zumeist sprachlos bleibenden) Konsequenzen ziehen möchte. Hauptsache ganz und gar, nicht länger halbherzig, zögerlich und überlegt.

          Für solche aufreizende Überlegtheit, die den Krieg als Moloch begreift, der alles verschlingt, das Schneidige wie das sich Sträubende; für diese Unmöglichkeit, reinen Tisch zu machen, stehen die Mitteilungen Robert Habecks, des Vizekanzlers, so auch gestern bei Illner/Koll. Herr Habeck, tut Deutschland wirklich alles, was es tun könne, um der Ukraine zu helfen (als gäbe es ein absolut gebotenes Maß von Schützenhilfe, die eine Wende im Kriegsverlauf herbeiführen würde)? Nein, tut es nicht, aus guten Gründen nicht, pflegt Habeck zu antworten, beispielsweise um nicht in eine Dynamik hin zum dritten Weltkrieg einzutreten. Der eine Schritt, der dazu führe, dass Deutschland Kriegspartei werde, stelle die notwendige Grenze dar.

          Eine Grenze, entlang derer sich der ukrainische Präsident wiederum zu Recht „verraten und verkauft“ vorkomme, so Habeck auf Kolls Nachfrage zu Selenskyjs Videoauftritt im Deutschen Bundestag. Selenskyjs Rede sei „aus seiner Sicht komplett berechtigt“, doch „aus Sicht der Bundesregierung und auch Deutschlands nicht komplett berechtigt“. Denn, so machte der Vizekanzler geltend: „Deutschland tut viel, um die Ukraine zu unterstützen und vieles, was wir vor Wochen noch für unmöglich erachtet haben.“

          Dieses aufgescheuchte Begehren nach Eindeutigkeit

          Habeck pflegt, mit anderen Worten, die Zumutung, auseinander strebende Dinge zusammenzudenken, ohne wiederum politische Fehler der Vergangenheit mit dem Erfordernis zu vermischen, in der Gegenwart einen kühlen Kopf zu behalten. Er ist dagegen, die Vergangenheit auf Kosten einer für die Gegenwart gebotenen Rationalität bereinigen zu wollen. Damit, mit diesem Komplexitätserfordernis, frustriert Habeck das aufgescheuchte Begehren nach Eindeutigkeit. Wobei er schon mehr Eindeutigkeit verspricht als er halten kann, wenn er vorgibt, die Grenze zwischen Konflikt- und Kriegspartei lasse sich durch einen einzigen Schritt definieren.

          Erich Vad, Brigadegeneral a. D. der Bundeswehr, machte darauf aufmerksam, dass diese Grenze in Wirklichkeit fließend sei und eben auch davon abhänge, was der Kontrahent denke, wo sie verläuft. Im Falle Putins eine erkennbar unberechenbare Frage. Jedenfalls sprang der General Habeck bei, wenn er eine atomare Eskalation derzeit als realistische Bedrohung auswies. Das gebe der momentanen Situation eine „andere Qualität“ als seinerzeit in Irak oder Afghanistan. Wie da jetzt für die Sicherung von Flugverbotszonen eintreten als der moralisch und strategisch vermeintlich gebotenen Option? Deutschland müsse helfen, den Himmel über der Ukraine sicherer zu machen, erklärte der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. Das wäre ein Schritt in den Weltkrieg, konterte Vad.

          Würdelose Parteipolemik im Bundestag

          Im Grunde widersprach auch die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, einem sich Hinreißenlassen in Totalitäten, während sie zugleich ihre Beklemmung zu Protokoll gab, dem unter Lebensgefahr sprechenden Selenskyj im Parlament zuzuhören, wo sie selbst „im Warmen“ sitze. Gleichwohl sei das Moment des Würdelosen von christdemokratischer „Parteipolemik“ ausgegangen: Friedrich Merz bestand auf Änderung einer Tagesordnung, der die Union am Vortag noch zustimmte. Unabhängig davon, was der Ertrag einer inhaltlichen Aussprache nach der Selenskyj-Rede hätte sein können, war es am Ende die Tagesordnungsdebatte selbst, die dem SPD-Außenpolitiker Michael Roth Recht gab, wenn er sagte: Das Parlament habe weder „Orientierung und Ermutigung“ noch „Empathie und Feingefühl“ gezeigt.

          In der Sendung war es noch einmal Vad, der psychologische mit strategischen Dilemmata verknüpfte. Trotz „beachtlicher Geländegewinne“ seien die russischen Einheiten in einer fatalen Lage. Sie stünden vor der Erkenntnis: Offensichtlich gebe es keinen kurzen Krieg, sondern man bewege sich in einen lang andauernden Krieg hinein, in einen Orts- und Häuserkampf und danach in einen zähen Guerillakrieg. Auch die Amerikaner hätten innerhalb von zwei, drei Wochen die irakischen Streitkräfte zerschlagen, Bagdad besetzt, „aber dann begann eigentlich erst der Krieg“. Die Kampfmoral der Ukrainer sei genau darauf eingestellt, ihre Wehrmotivation ohnegleichen: „Sie sitzen in den Städten drin, warten auf den Feind und werden kämpfen.“ Kein schlechter Ausgang einer Talk-Show, wenn hernach die Parolen im Halse stecken bleiben.

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