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TV-Kritik: „Maybrit Illner“ : Die Weißwäscher sind schuld

  • -Aktualisiert am

Maybrit Illner diskutiert in ihrer Sendung am 13. Dezember 2018 mit ihren Gästen zum Thema: „Klimaretter Deutschland – gut gedacht, schlecht gemacht?“ Bild: ZDF/Svea Pietschmann

Maybrit Illner geht der Frage nach, warum Deutschland die selbst gesetzten Klimaschutzziele verfehlt. Der Joker in der Runde ist ausgerechnet ein Unternehmer.

          Aus der Ferne erinnert das Thema an ein Theaterstück von Bertolt Brecht: „Turandot oder Der Kongress der Weißwäscher“. Brecht hat es Anfang der 1950er Jahre geschrieben. Die Uraufführung fand 1969 in Zürich unter der Regie von Benno Besson statt. In der DDR konnte es nicht aufgeführt werden, weil es dem Regime gefährlich geworden wäre: Es geht um die zwiespältige Rolle der Intellektuellen (Tuis), auch um die Hand der Kaisertochter Turandot, die demjenigen in Aussicht gestellt wird, der die Ursachen der Baumwollkrise erklärt. Ein Kongress geht dieser Frage nach und erörtert probehalber ein Wahrnehmungsproblem. Existiert die Krise nur in unseren Köpfen oder ist sie real? Die Frage wird nicht beantwortet, weil der Gelbe Fluss über die Ufer trittt und die Diskutierenden wegschwemmt. Verzwickte Dialektik.

          Unter der Regie von Maybrit Illner wurde das Stück gestern Abend wieder aufgenommen. Nur diskutiert man nicht über die Baumwollkrise und ihre Ursachen, sondern über den Klimaschutz. Die Dialoge wirken aber so, als hätte sie Brecht selbst geskriptet. Die Rollenprosa geht allen Gästen etwas zu leicht von der Lippe. Die Rollen sind gesetzt. Nur gab es einen Störenfried, der – ähnlich wie bei Brecht der Gelbe Fluss – bei den besorgten Sorgenträgern nicht auf dem Spickzettel stand, wenngleich sie unentwegt so taten, als nähmen sie seine Interessen selbst am besten wahr: Die Wirtschaft und ihr durch Wettbewerb getriebenes Versprechen, bessere Lösungen für bestehende Probleme zu liefern. Der Joker in der Runde ist der Unternehmer Philipp Schröder.

          Als Auftakt dient die Frage nach dem Erzbösewicht. Ist es der amerikanische Präsident mit seiner Aufkündigung des Pariser Klima-Abkommens? Nein, sagt Peter Altmaier. Amerika sei beim Klimaschutz viel weiter als die eigene Regierung: technologisch und durch Regulierung einzelner Bundesstaaten – vorneweg Kalifornien. Welche Fossile in der Regierung sitzen, scheint keine Rolle zu spielen. Ein Nebenkriegsschauplatz tut sich derzeit in Kalifornien auf. Die Universität Harvard investiert in Kalifornien in Farmland und dazu gehörende Wasserrechte: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Hat Stanford nicht aufgepasst? Harvard verfügt über ein Vermögen von 39 Milliarden Dollar, davon kann man auch in Klimaschutz investieren.

          Alle wollen Kohlendioxid einsparen – allerdings woanders

          Die Rollenprosa gebietet es, dass alle Gäste, schön verteilt, ihre Texte aufsagen. Altmaier hat mit dem Lob für die Vereinigten Staaten seinen Joker schon verspielt. Matthias Dürbaum ist Betriebsratsvorsitzender im Braunkohletagebau Hambach und sorgt sich – wen wundert's? –  um die Folgen des Strukturwandels. Annalena Baerbock will an diesem Abend für die Grünen Punkte machen und sieht 80 Prozent der Deutschen auf ihrer Seite. Infas scheint das noch nicht auf dem Schirm zu haben. Peter Altmaier lobt den Anteil von 38 Prozent der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung. Dass er nicht dort ankommt, wo er gebraucht wird, und aus manchen Gründen zu teuer ist, steht auf einem anderen Blatt.

          FDP-Chef Christian Lindner will deutsches Geld in den Erhalt des Regenwaldes investieren. Ihm ist es zu teuer, in Deutschland Kohlendioxid einzusparen. Hat er die Präsidentschaftswahlen in Brasilien verschlafen? Der künftige Präsident Jair Bolsonaro will den Regenwald roden. Wer sind Lindners Begünstigte? Das unfreundliche Myanmar? Was bliebe auf der hiesigen Seite im Soll? Die Nachfrage wäre schon sinnvoll gewesen. Frau Baerbaum verhebt sich in den Metaphern. Sie will „auf allen Feldern und in allen Winkeln der Erde CO2-frei“ sein. Das soll sie mal einem Bauern erklären. Auch sie hätte mit dem schrägen Bild eine kritische Nachfrage verdient.

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