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Musikkritiker Max Nyffeler : Für wen schreiben Sie eigentlich?

Nicht nur ein Spezialist für Neue Musik: Max Nyffeler Bild: Martin Hufner

Musiker, Filmemacher, Verleger, Pionier des Klassikblogs, Afrikafreund und scharfer Kritiker politischer Blasenbildung: dem Musikpublizisten Max Nyffeler zum achtzigsten Geburtstag

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          Um gleich grundsätzlich zu werden: Musikkritik steht seit je vor der Aufgabe, die „gesellschaftlich bedingte Diskrepanz zwischen ihrem eigenen Sprachvermögen und dem ihres Publikums“ zu bedenken und daraus „ohne in Anbiederung zu verfallen, Konsequenzen für ihre Schreibpraxis zu ziehen“. Will heißen: Der Musikkritiker muss wissen, wie wenig von dem, was er zu sagen hat, von denen verstanden wird, die ihn lesen. Vor allem dann, wenn den Menschen die Teilhabe an musikalischer Bildung versagt oder ihnen eingeredet wird, sie sei nicht nötig oder elitär.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Max Nyffeler schloss mit dieser Erkenntnis den ersten Text, der von ihm in der F.A.Z. erschien: am 24. Dezember 1976. Die Überschrift lautete „Für wen schreiben Sie eigentlich?“. Es ging um eine Tagung zur Musikkritik in Boswil, auf der die Figur des Kritikerpapstes entsorgt wurde: „Wer mit subjektivistisch auftrumpfendem Gestus nach links und rechts Zensuren austeilt, so war zu hören, muß damit verbergen, daß er unfähig ist, auf die Sache selbst einzugehen.“

          Nyffeler ist fähig, auf die Sache selbst einzugehen. Es wird nur wenige Musikkritiker geben, die – wie er – Robert Schumanns Klavierkonzert oder die Préludes op. 28 von Frédéric Chopin selbst im öffentlichen Konzert gespielt haben. Dazu betätigte er sich früh (und bis heute) als Filmemacher, schrieb für verschiedene Zeitungen, war beim Bayerischen Rundfunk wie beim Schweizer Radio Redakteur, wechselte zwischen 1991 und 1998 die Seiten und wurde künstlerischer Leiter des Musikverlags Ricordi. Er kennt die Musik als Musiker, Publizist und Geschäftsmann. Gerade deshalb sind ihm stilistischer Lärm und Geschwätzigkeit beim Schreiben fremd.

          Joan Baez, aber auch Beethoven

          Oft wird Max Nyffeler als Spezialist für die Neue Musik wahrgenommen. Gewiss, da kennt er sich aus. Doch schaut man ins Archiv dieser Zeitung, entdeckt man eine große Vielfalt an Themen: Joan Baez ebenso wie Beethovens Chormusik, ein Fernsehfilm über Hans Werner Henze, aber auch die Vertreibung der Venezianer aus ihrer eigenen Stadt durch den Massentourismus und die Musealisierung. Nyffeler war für die F.A.Z. dabei, als der sowjetische Regisseur Juri Lubimow an der Mailänder Scala 1979 „Boris Godunow“, dirigiert von Claudio Abbado, inszenierte, und er berichtete 2016 vom „Frauentag“ mit lauter Dirigentinnen beim Lucerne Festival.

          Die Themen zeigen wie seine Sprache, dass hier jemand auf das gesellschaftliche Umfeld achtet, in dem er schreibt. Aus seinen Beckmesser-Kolumnen für die „Neue Musikzeitung“ ist eines der ersten Klassikblogs in Deutschland entstanden. Das Interview, das Nyffeler 2018 für beckmesser.info mit Helmut Lachenmann über Richard Strauss und dessen „Alpensinfonie“ führte, gehört zu den wichtigsten Texten der Musikpublizistik der Gegenwart.

          In jüngerer Zeit verschlug es Nyffeler nach Japan, nach Ghana und nach Senegal. Der kulturelle Aufbruch Afrikas, auch die Aneignung des Hiphop durch Frauen begeistern ihn. Umso größer ist sein Unverständnis, wenn hiesige Festivals für Neue Musik intellektuell in sich selbst verkapselt bleiben und sogar dann, wenn sie vorgeben, sich mit „Black Music“ zu befassen, der afrikanischen Perspektive gar keinen Raum geben. Die ideologische „Blasenbildung“ und das „Strammstehen für die richtige Meinung“, das willige Apportieren politisch schicker Schlagworte zu Lasten der Kunst in der westeuropäischen Szene der Neuen Musik hat er in seinen Texten wiederholt kritisch beschrieben.

          Am Film „Hans Zender. Thinking with your Senses“ von Reiner E. Moritz, gerade bei Arthaus Music erschienen, hat Nyffeler mitgewirkt. Überhaupt verfolgt er die Entwicklung des Musikfilms wie der Digitalisierung mit optimistischer Neugier. Heute wird Max Nyffeler, einer der jugendlichsten Köpfe seiner Zunft, achtzig Jahre alt.

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