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ZDF-Film „Ich brauche euch“ : Sag doch einfach Ja

  • -Aktualisiert am

War’s das? Fabian Hinrichs und Mavie Hörbiger als verhindertes Paar. Bild: ZDF und Britta Krehl

Verschütteter Familiensinn: Max Färberböck zeichnet das sensible Porträt einer erfolgreichen Frau, die Nähe nicht zulassen kann. Aber dann wird sie vom Schicksal umarmt.

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          „Was ich getan habe“, setzt der von Fritz Karl undurchschaubar, aber grunderschüttert gespielte Markus Bach in der intensivsten Szene dieses ohnehin emotional fordernden Films zu einer Erklärung an – aber sofort fällt ihm ein Strafvollzugsmitarbeiter ins Wort: „Stopp. Kein Wort zur Tat.“ Da haben wir es doch, das Rezept zur Relevanzerhöhung des deutschen Fernsehspiels. Morde blieben dabei durchaus möglich. Wie in diesem Fall der eines distinguierten, allem Anschein nach wohlsituierten (in Wahrheit freilich überschuldeten) Berliner Familienvaters an seiner, wie er selbst sagt, perfekten Gattin Sabine (Judith Engel). Gezeigt oder erklärt werden diese Morde aber nicht, sondern das, was sie auslösten: der Schmerz, das Hadern mit dem Unbegreiflichen, die Überforderung ganzer Familien.

          Solches Post-Krimi-Fernsehen ist die Spezialität von Max Färberböck, der schon mit „Aimée & Jaguar“ (1999) bewiesen hat, dass er einer Liebestragödie, die nur zu leicht in melodramatischen Kitsch hätte abrutschen können, ergreifend wahre Charakterstudien abzugewinnen weiß. In den vergangenen Jahren hat der einstige Regieassistent Peter Zadeks zahlreiche bayerische „Tatort“-Folgen inszeniert, die durch eher stille, schmerzzentrierte und ungewöhnlich echt wirkende Plots auffielen, zuletzt die vom Kontrollverlust nach tief verletzter Zuneigung handelnde fränkische Episode „Die Nacht gehört dir“. Dass den Settings, in denen Färberböcks Figuren ihre lebensnahen Krisen zu meistern versuchen – gern mit leichten Anklängen ans Kino der Nouvelle Vague –, etwas Konzeptuelles eigen ist, scheint gewollt zu sein, so, als markierte der Autor-Regisseur bewusst den Punkt, wo man vom Leben in die Kunst abbiege, nur um dort das Leben in höchster Verdichtung wiederzufinden.

          Auch in diesem Fall ist das so: Die Kontraste wirken stark akzentuiert in den ersten Minuten. Wir sehen das glückliche, gesetzte Ehepaar, das samt Kindern und Gästen seinen 23. Hochzeitstag feiert – „Wenn man nicht wüsste, dass auf dieser Welt so viel gleichzeitig passiert, müsste man sagen: Es gibt das Paradies“ –, und im Gegenschnitt Sabines Schwester, die in ihrem stilvollen BMW-Oldtimer kurz vor dem Eintreffen kehrtmacht. Wie freiheitsliebend Silvi (Mavie Hörbiger) ist, zeigt sich schon daran, wie sie ihren um mehr Nähe bettelnden On-Off-Freund (Fabian Hinrichs) am Telefon abblitzen lässt. An Business-Karaoke wiederum erinnern die Szenen, die sie als erfolgreiche Modedesignerin präsentieren: „London ist der Horror“, „die Samples sind nicht komplett“, „Shit, die Koreaner“. Die Lebensmodelle scheinen also klar austariert: hier das bürgerliche Familienidyll, dort das erfüllende Singledasein. Eine Wertung findet nicht statt. Alles aber kollabiert, als die Protagonistin erfährt, dass ihr Schwager seine Frau ohne erkennbaren Grund getötet hat. Ist alles Glück nur Trug?

          Wie wahrscheinlich es ist, dass Silvi ihre in derselben Stadt lebenden engsten Verwandten seit Jahren nicht gesehen hat, spielt dann keine Rolle. Überhaupt bleibt vieles offen. Wichtiger ist, dass ihre Überforderung angesichts der überantworteten Kinder der Schwester absolut glaubhaft geraten ist. Die Protagonistin wirkt wie ertappt in ihrer Unsicherheit, was noch vergrößert wird durch den instinktiven Zugang, den ihr – hartnäckiger – Verehrer zu den Trauernden findet. Als Silvis herrischer, reicher Vater auf der Bildfläche erscheint, ahnt man, woher ihr Unabhängigkeitsbedürfnis stammt. Während die Schwester zur Übererfüllung der Erwartungen neigte, schaltete Silvi auf Ablehnung. Die noch recht junge Nichte (Geraldine Schletter) ordnet sich ohne viele Worte den Ansagen unter, weil sie sich nach verantwortungsvollen Erwachsenen sehnt. Zu Silvis wahrem Gegenüber wird indes der vierzehnjährige, eloquente Jani (Elias Eisold), der zunächst vernünftiger und rücksichtsvoller wirkt als seine fahrige Tante, der ihr jedoch darin ähnelt, nur auf sich selbst zu vertrauen. Jani, seine Mutter idealisierend, kämpft einen verlorenen Kampf gegen die Desillusionierung, aber er kämpft ihn löwenstark. Er hält sich an keine Abmachung, stellt bohrende Fragen, lässt Ausreden nicht zu.

          Natürlich geht es auch um Antwortsuche im Hinblick auf das Mordmotiv (und ein kleines Geheimnis), aber es ist die Suche, die dabei im Vordergrund steht, nicht die Antwort. Silvi selbst kann bald grundsätzlichen Überlegungen nicht mehr aus dem Weg gehen, muss sich mit der gescheiterten Ehe der Schwester ebenso auseinandersetzen wie mit der eigenen Entscheidung für das alle Nähe vermeidende Alleinbleiben, die etwas zu aggressiv vorgetragen wird, um ganz zweifelsfrei zu wirken.

          Es geht um Fragen nach der Tragfähigkeit von Konzepten wie Liebe, Zweisamkeit und Ehe in Zeiten des Individualismus, aber auch darum, sich einer als Autonomie getarnten Einsamkeit zu stellen. Das alles ist vorzüglich gespielt. Trotz seines hochemotionalen Themas wirkt der Film so nie aufdringlich, auch nicht in seinem anrührenden Finale, in dem sich die seelisch Versehrten endlich hinter ihren Schutzschilden begegnen. Die letzten Worte – „Sag doch einfach Ja. Oder? Bitte!“ – haben in ihrer schlichten Größe die Kraft einer Lebensmaxime. Das ist selten und hallt nach.

          Ich brauche euch, an diesem Montag um 20.15 Uhr im ZDF

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