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Matti Geschonneck zum Sechzigsten : Genauigkeit und Seele

Fleiß ist die Voraussetzung für seinen unverkennbaren Stil: Matti Geschonneck Bild: Thomas&Thomas

Die Leidenschaft, mit der der Fernsehregisseur Matti Geschonneck spannende Handlung und psychologische Präzision verbindet, wurde oft gelobt. Jetzt wird der bescheiden gebliebene Mann sechzig.

          In Potsdam geboren und wegen der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann 1978 dann seinerseits der DDR entlaufen, wurde der Regisseur Matti Geschonneck nach Lehr- und Wanderjahren im Westen einem größeren Publikum erst relativ spät ein Begriff. Er war vierzig Jahre alt, als er 1992 seinen ersten Berliner „Tatort“ inszenierte und dabei eine bereits vorhandene Figur zur Kenntlichkeit fortentwickelte: Günter Lamprecht wurde sein Kommissar Markowitz. Seither gab es kein Halten mehr. Fünfundvierzig Filme umfasst die Werkliste mittlerweile, vor wenigen Wochen erst zeigte das ZDF mit „Das Ende einer Nacht“ das bisher jüngste Exempel von Geschonnecks stupendem Regiefleiß.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dabei ist Fleiß lediglich die Voraussetzung für den unverkennbaren Stil, der seine Krimis, seine Thriller und seine Kammerspiele prägt. Ob „Matulla und Busch“ (1995), die Rentnerkomödie zum Berliner Häuserkampf der Nachwendezeit, ob „Ganz unten, ganz oben“ (1999), die melancholische Tragödie einer kleinen Bankangestellten in der Münchner Trabantensiedlung, ob „Die Nachrichten“ (2005), die kluge Verfilmung von Alexander Osangs gleichnamigem Medien- und Stasiroman, oder „Duell in der Nacht“ (2008), der Korruptionsreigen im Frankfurter Polizei- und Immobilienmilieu: Stets weiß Geschonneck das spannende Geschehen an der Handlungsoberfläche mit einer ungemein präzisen Figuren-psychologie zu verbinden.

          Er mache „Ausnahmefernsehen“, hieß es in einer Kritik zu seinem ZDF-Zweiteiler „Entführt“ von 2009. Hinzuzufügen wäre, dass er seine Stoffe ganz im Sinne von Robert Musils Postulat nach „Genauigkeit und Seele“ in gar nicht so kleine Kunststücke verwandelt und damit für das Fernsehspiel, das publikumswirksamste aller ästhetischen Genres, einen ganz außerordentlichen Qualitätsstandard gesetzt hat. Man kann Geschonnecks Arbeit dabei in zwei Phasen gliedern. In den neunziger Jahren schulte er sein Regie- und unser Sehvermögen vor allem in zahlreichen „Tatort“- und „Polizeiruf“-Folgen. Seit gut einem Jahrzehnt aber hat er sich von den Schnürbrüsten der Serie gelöst und beim ZDF die Freiheit erhalten, lauter Unikate zu inszenieren. Dass sie dort meist als „Fernsehfilm der Woche“, also aufs Neue innerhalb einer Reihe gesendet werden, nimmt ihrer Eigenständigkeit nichts. So wurde dieser höchst bescheiden auftretende Mann zu einem wahren Helden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

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