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Schweighöfers Serie für Amazon : Ein Mann will sein Leben zurück

Für Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) war die Welt in Ordnung, bis ein Hacker sich seiner Identität bemächtigte. Nun gerät alles aus den Fugen. Bild: Stephan Rabold/Amazon/Warner

So gefragt war Matthias Schweighöfer noch nie: Bei der Serie „You are Wanted“ spielt er die Hauptrolle, schreibt am Buch mit, führt Regie und produziert – Amazon macht es möglich. Wir sind zu Besuch an einem umtriebigen Set.

          5 Min.

          Cut.“ Es ist nur ein zentimetergroßer, abgebrochener Metallstift. Doch er bringt das Filmset zum Stillstand. Mehr als fünfzig Leute vom Team und etwa doppelt so viele Komparsen warten auf den Requisiteur. Der Mann nestelt hektisch an einer Metallarmbanduhr herum, deren Armband sich gelöst hat, nachdem Matthias Schweighöfer in der Szene mit seinem Spielpartner in Streit geraten und geflüchtet ist.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Schweighöfers Gegenüber soll an dieser Stelle geheim bleiben. Denn dies ist eine Schlüsselszene der Amazon-Serie „You Are Wanted“, die Anfang 2017 in sechs Episoden à 47 Minuten bei Amazon Prime landen wird. Matthias Schweighöfer spielt die Rolle von Lukas Franke, glücklicher Familienvater jenseits existentieller Bedrohungen. So lange, bis ein Unbekannter sich Zugang zu seinen Daten verschafft, seine Identität und damit sein Leben umschreibt.

          Die Geschichte der ersten deutschen Serie, die für „SVoD“ – Filmdeutsch für „Subscription-Video-on-Demand“ – gedreht wird, ist die Geschichte einer im Sack gekauften Katze: Zu Beginn einigen sich Wilfried Geike von Warner Bros. Deutschland und das Führungsduo von Pantaleon Films, Matthias Schweighöfer und Produzent Dan Maag, darauf, ein Serienkonzept auszutüfteln. Es soll ein Gegenstück zur Comedy-Dominanz im deutschen Serienalltag sein. Dafür haben sie die großen Streamingportale im Visier. Einen Abnehmer, erklärt Geike, haben sie da noch nicht. Als er das Gespräch mit Amazon sucht, gibt es nicht mehr als ein Treatment, die Vorform eines Drehbuchs. Und die mögliche Besetzung.

          Aufstehen um vier Uhr, Autorenarbeit, dann zum Set

          Heute sind Alexandra Maria Lara, Kathrin Striebeck, Karoline Herfurth, Tom Beck und natürlich Schweighöfer selbst an Bord. Amazon lässt sich auf den Deal ein: „Die DVD- und Blue-Ray-Rechte verbleiben bei Warner, alle anderen Rechte an der Serie gehen an Amazon“, sagt Geike. Vorfinanziert wurde das Projekt in Teilen von Warner, Pantaleon Films, dem Medienboard Berlin-Brandenburg und dem „German Motion Picture Fund“ des Wirtschaftsministeriums. Und Amazon? Wartet auf das Ergebnis. Einmischung ist nicht vorgesehen. Das beteuert auch Christoph Schneider, Geschäftsführer bei Amazon Video Germany: „Wir begeistern uns für ein Team und eine Idee. Dann lassen wir sie machen. Wir tauschen uns aus, aber es ist kein Redakteursfernsehen.“

          Unterdessen am Set auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain: Der Requisiteur, gebräunter Typ, Haare zum Pferdeschwanz gebunden, müht sich, das Armband an der Uhr zu befestigen. Vielstimmiges Getuschel, Husten, das Scharren Hunderter Füße, brutzelndes Fett irgendwo hinten im Raum. Die Szene spielt in einem „Foodcourt“. Paletten, Bierbänke, rote Lampions, Papierschirme und glitzernde Winke-Katzen („Maneki-Neko“) simulieren junge Berliner Gastro-Kultur. Komparsen aller Altersklassen stehen und sitzen mit halbvollen Bierflaschen – die Apfelsaft enthalten – und Bagels herum oder stochern in Asia-Nudelboxen. Das fiktive Bistro im Hintergrund serviert „Fallen Duck“, „Schweinerippe in Honig“ und „Jiao Zi Grün“. Vor den Industriefenstern fegt der Wind mit einem lauten „Klong“ über eine Metallbegrenzung, vorbei an den acht schwerbewaffneten Männern in SEK-Montur, die an den Eingängen zur Halle warten.

          Den Dreh für Schweighöfer als Herkulesaufgabe zu bezeichnen wäre untertrieben: Er schreibt, führt Regie und spielt die Hauptrolle. So sieht er auch aus, nur dass die Schrammen in seinem Gesicht jedes Mal liebevoll von der Maske nachgebessert werden. „Die Wunden müssen anschlussfähig bleiben.“ Durchschnittlich vier Stunden Schlaf pro Nacht, aufstehen um vier Uhr, Autorenarbeit, dann zum Set, drehen – dafür macht er einen recht frischen Eindruck.

          Per Mausklick mit amerikanischen Serien messen

          Jetzt sitzt er in seinem Trailer, ein Minizimmer auf Rädern mit Sofa, Kühlschrank und Waschbecken, an der Schiebetür ein Schild: „#1 Lukas Franke“. Er antwortet konzentriert, knapp und ernst. Nix mit Schwiegermutters lustigem Liebling. Die Dreifachverantwortung sei ein ziemlicher „Trip“, sagt Schweighöfer. „Sollten wir eine zweite Staffel drehen, werde ich mir die Regiearbeit noch einmal überlegen.“ Gleichwohl: „Den Look, den Sound und die Spielweise der ersten Staffel zu prägen“, das gebe ihm die Möglichkeit, etwas Einzigartiges zu schaffen. „Es macht ja auch kein anderer so.“ Allerdings stehen Schweighöfer noch sein Kameramann Bernhard Jasper als Ko-Regisseur und Schauspiel-Coach Gudrun Bahrmann zur Seite.

          Am Set ist die Armbanduhr repariert. Der „First Assistant Director“ Frank Kusche, ein Riese im blauen Sweatshirt, ruft via Mikrofon zur Ordnung und bittet die Komparsen, „lebendig, aber stumm“ zu spielen, damit der Ton der Aufnahme stimmt. Kameramann Bernhard Jasper, der mit einer silberfarbenen Vespa von Set zu Set brettert, ist in Position. Die Technik stimmt sich ab: „Klappe 4.56.8 die Erste“. „A-Kamera, Ton läuft.“ Wieder Kusche: „Set und Komparsen – bitte.“ Die erwachen an den Bierzeltgarnituren zum Leben und vertiefen sich schweigend ins Gespräch. Lächeln, Lippen bewegen, essen. Einige schlendern an Schweighöfers Tisch vorbei.

          Über seine Position für Amazon im Produktionswettbewerb mit Portalen wie Netflix und Maxdome denke er nicht lange nach, sagt der Schauspieler. Der Reiz liege darin, sich einmal direkt – quasi einen Klick entfernt – mit amerikanischen Serien zu messen. „Natürlich freue ich mich, wieder was Ernstes machen zu können. Dahin zurückzugehen, wo ich schauspielerisch ursprünglich herkomme. Es ist toll, wieder ernst zu spielen, sich auszuprobieren und herauszufinden, was man trainieren muss.“

          Spaß an Serien

          Das zweite Kamerateam ist damit beschäftigt, das Stunt-Double von Karoline Herfurth auf einem schwarzen Motorrad nebst fünf Polizeifahrzeugen über das Gelände zu jagen. Die Streckenposten brauchen gute Nerven: Hier stolpert wer ins Bild, dort will jemand mit einem Kaffee-Tablett die Route queren und am Eingang will eine Fahrradfahrerin partout nicht einsehen, warum sie ihren Weg zur Arbeit verändern soll. Der Ordner stellt sich beherzt vor sie, als sich die Frau vorbeischieben will. Wenige Sekunden später rast ein dunkelblauer Kombi mit Blaulicht heran, der Stuntfahrer tritt scharf auf die Bremse. Ein zweiter hält krachend daneben.

          Er wird gejagt: Matthias Schweighöfer in „You are Wanted“.

          Zwei Teams – darunter die Autoren Richard Kropf, Hanno Hackfort, Bob Konrad – schreiben am Plot für „You Are Wanted“. Das Struktur-Team sorgt für das narrative Gerüst. „Die schreiben quasi vor“, sagt Matthias Schweighöfer. „Danach komme ich mit meinem Dialog-Team und schreibe alles für das Set zurecht.“ Um die Dinge authentisch zu schildern, holt sich das Team Rat bei Hackern und beim Bundeskriminalamt: „Da rufen wir die Leute an und fragen: Stimmt das überhaupt, was wir hier machen?“

          Seinen Leibwächter, einen erfahrenen Personenschützer, konsultierte Schweighöfer, um zu erfragen, wie lange der Lauf einer Pistole nach dem Schuss noch heiß ist. Selbst hat sich Schweighöfer noch nicht als Hacker probiert: „Zu viel Schiss.“ Zumal er kein Technikfreak sei. „Ich bekomme schon bei E-Mails einen Anfall, wenn da steht, ‚bitte Maildrop verwenden‘.“ Auch gehackt worden ist der Schauspieler noch nicht: „Toi, toi, toi.“ Direkt ein Serienjunkie sei er auch nicht, sagt Schweighöfer. Aber er hat Spaß an Serien. Zuletzt an „Penny Dreadful“, einer Horrorserie von Sam Mendes. „Und ein großer Fan von ,True Detective‘ bin ich auch. Aber nur die erste Staffel.“

          Geliebt als komischer Charakter

          Die Szene im Foodcourt ist ein Marathon. Wenn Schweighöfer spielt, geht die Spannung mit einer Wellenbewegung durch sein Gesicht. Ein Zucken der Augenbrauen, dann die Kaumuskeln an den Schläfen, gefolgt vom Zusammenpressen der Kiefer und schließlich ein Schlucken, das den Adamsapfel auf und ab bewegt. Ein paarmal wird die harte Maske durch einen Lachanfall gesprengt. „Alles wieder auf Anfang.“ Dann hat Schweighöfer die Lacher der ganzen Mannschaft auf seiner Seite. Als wären sie erleichtert, endlich den Matthias wiederzusehen, den sie vornehmlich als komischen Charakter lieben.

          Es dauert ein paar Minuten, bis sich alle beruhigt haben, es wieder ernst wird. Die Mittagspause ist verschoben worden, das Teams wird nervös. Die Maskenbildnerin huscht mit roten Tupfern über Schweighöfers Wunden. Dann heißt es wieder: „Alles auf Anfang.“ Der folgende Dialog gelingt, Schweighöfer packt sein Gegenüber am Kragen und stürzt sich ins Handgemenge. Beide keuchen. Dann brüllt eine Stimme über alle Komparsen hinweg: „Polizei.“ Schon stürmt das SEK-Team mit gezückten Maschinenpistolen durch die Menge auf Schweighöfer zu. Der sprintet davon, reißt eine Bierbank um und verschwindet im Off. „Cut.“

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