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Die 2. Staffel von „The Boys“ : Maskenball der Supertrolle

Nach einem Blutbad auf dem Sofa: William (Karl Urban, von links), Hughie (Jack Quaid), Kimiko (Karen Fukuhara), Frenchie (Tomer Kapon) und Marvin (Laz Alonso) Bild: Amazon Studios

Die Serie „The Boys“ fragt klug nach dem, was noch Gültigkeit besitzt – in Familie, Gesellschaft und Politik. Ihre Antworten aber sind von alter Giftigkeit.

          3 Min.

          Das Politikverständnis der Serie „The Boys“, produziert von Evan Goldberg und Seth Rogen, ist finster. Niemand kommt gut weg, weder Graswurzelbewegungen noch Weltkonzerne; am allerwenigsten die „Supes“ genannten Superhelden, die bei dem Firmenkonglomerat „Vought“ unter Vertrag stehen und im Kampf gegen „Superterroristen“ den einen oder anderen Kollateralschaden verursachen. Was gilt noch? Lügen, Vaterkomplexe, fehlende Anerkennung und Selbstjustiz. Das ist die Mischung, aus dem auch die zweite Staffel dieses auf den titelgebenden Comic von Garth Ennis und Darick Robertson beruhenden Serienerfolgs ihren Zündstoff zieht. Problem dieser widerspenstigen, ungezähmten aber mitunter sehr klugen Serie ist, dass sie sich maßlos daran berauscht. Oder anders: Blut ist die Butter in der überhitzten Pfanne dieser Serie. Selten fließt es. Immer spritzt es.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die erste Staffel erzählte von der Superheldentruppe namens „Seven“, ihren Untaten und davon, wie ihr Mutterkonzern versuchte, ihre Fähigkeiten ans Militär zu verhökern – mit Hilfe großangelegter Marketingkampagnen, als hätte man eine PR-Ehe zwischen Marvels Avengers und den Transformers arrangiert. Mit etwas Phantasie ließe sich jedem der Supes eine Todsünde zuordnen – ohne damit jedoch ihre komplexe Figurenzeichnung zu reduzieren. Ihr Anführer Homelander (Antony Starr) tritt als eine Art sadistischer Zwilling von Marvels Captain America auf. Black Noir (Nathan Mitchell) ist ein Meuchler, stets in Schweigen gehüllt, dunkler Schatten von Black Panther. Queen Maeve (Dominique McElligott) ist nahe an DCs Wonderwoman, und A-Train (Jessie Usher) gibt die schwarze Version von The Flash. Der Aquaman-Klon The Deep (Chace Crawford) hat in der zweiten Staffel mehr von Tom Cruise als vom royalen Tiefseetaucher. Gerade frisch hinzugestoßen war die junge Heldin Starlight (Erin Moriarty) mit christlich-freikirchlichem Hintergrund, die feststellen musste, dass Superhelden nicht als solche geboren, sondern mit einer Substanz namens „Compound V“ nachträglich in Laboren behandelt werden.

          Machen stets gute Miene zum bösen Spiel: Homelander (Antony Starr) und Starlight (Erin Moriarty)
          Machen stets gute Miene zum bösen Spiel: Homelander (Antony Starr) und Starlight (Erin Moriarty) : Bild: Amazon Studios

          Vought und den Supes stellt sich eine Truppe Aussätziger entgegen: die mit der CIA verbandelten Störfaktoren William Butcher (Karl Urban), Frenchie (Tomer Kapon) und Marvin (Laz Alonso). Der zarte Hughie (Jack Quaid) kam hinzu, nachdem seine Freundin von A-Train über den Haufen gerannt worden war. Die stumme Kimiko (Karen Fukuhara) – selbst mit Superkräften ausgestattet – wurde von den vieren aus einem Keller gerettet und unterstützte die „Boys“ fortan schlagkräftig.

          Und so splattert sich die Serie in Staffel zwei von einer Bösartigkeit zur anderen (auch ein Pottwal namens „Lucy“ wird nicht geschont), während sie zu zeigen versucht, wie man in Amerika heutzutage erfolgreich Politik macht. Am besten erklärt das die nach dem Tod des unsichtbaren „Translucent“ qua Stallorder vom neuen Vought-Chef Stan Edgar (Giancarlo Esposito) hinzugezogene Heldin Stormfront (Aya Cash). Sie macht Homelander in Sachen Massenmobilisierung unter Ausnutzung sozialer Medien Konkurrenz: Alles, was sie brauche, seien fünf schlechtbezahlte Typen mit Laptop, die Memes produzieren. „Du brauchst keine fünfzig Millionen, die dich lieben. Du brauchst lediglich fünf Millionen, die richtig angepisst sind.“ Was sind die besten Verkaufsargumente? „Emotion und Wut“. Er, Homelander, habe Fans. Sie habe Soldaten. Letztere sind in Alarmbereitschaft, seit mit illegalen Einwanderern angeblich immer mehr Superterroristen in das Land kommen. Manche gehen auf die Straße, andere greifen zur Waffe – und der firmeneigene Nachrichtensender „Vought-News“ hält ständig drauf, zoomt heran und ordnet ein. Hier sind Nachrichten eine Injektion in den Allerwertesten.

          Erzählt ist das alles schlau, mit Schnitten und Kameraeinstellungen, die Superheldenkräfte für den Betrachter fühlbar machen, mit unfassbarer Detailfülle und solidem Soundtrack, bei dem Billy Joels Aufbaulied „You’re Only Human“ prominent inszeniert wird. Leider verliert sich die Serie oft in der Schnitzeljagd der Butcher-Boys, die immer nur dann in Bewegung geraten, wenn sich irgendwo eine neue Spur auftut. Erfrischend (wie „Fresco“) ist wiederum die Nebenhandlung, in der The Deep sich im Netz der „Church of the Collective“ verheddert, einer Sekte, die stark an Scientology erinnert.

          Eines aber schafft die Serie nicht: sich über die von ihr zusammengetragene, angezündete und verstrahlte Müllkippe aus moralischen Abfällen zu erheben. Verlass ist auch hier wieder nur auf „Angry get’s shit done“ und bewaffnete Selbstjustiz. Kern aller Probleme dieser Welt sind nach sechs Folgen: Daddy-Issues. Aber vielleicht liegt die Serie zumindest damit gar nicht so falsch.

          The Boys, Staffel 2, läuft bei Amazon Prime.

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