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TV-Interview mit Martin Walser : Geschichte endet nicht

Thea Dorn im Gespräch mit Martin Walser Bild: ZDF und Svea Pietschmann

Im Gespräch mit Thea Dorn äußert sich der Schriftsteller Martin Walser zur Vergangenheitsbewältigung nach Auschwitz und der Funktion von Literatur. Ein paar Fragen lässt er unbeantwortet.

          Er sprach von der „Moralkeule Auschwitz“, einer „Dauerpräsentation“, „Instrumentalisierung“ und „Monumentalisierung“ „unserer Schande“, von der „Routine des Beschuldigens“ und der Legitimität des Wegschauens. Martin Walser, der im kommenden Jahr neunzig wird, sorgte mit seiner Dankrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche für einen Eklat. Das ist fast zwanzig Jahre her. Doch noch immer liegt die „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ (Ernst Nolte) wie ein Schatten über Walser.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          „Wunschdenkens Ziel“ wird daher wohl bleiben, was Thea Dorn in der Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“ zum Leitmotiv ihres Walser-Interviews machen will: „Ein interesseloses Interesse an der Vergangenheit. Dass sie uns entgegenkäme wie von selbst.“ Das ist ein Zitat aus Walsers Roman „Ein springender Brunnen“, für den er sich vom „Literarischen Quartett“ einst den Vorwurf gefallen lassen musste, dass Auschwitz darin nicht vorkomme. „Schriftsteller“, erklärt Walser nun, „sind die, die etwas so schön sagen, wie es nicht ist“ – das gelte auch für seinen Roman. Ist das eine Rechtfertigung? Ein Eingeständnis? Eine Entschuldigung? Man weiß es nicht.

          Literatur ist keine Gesellschaftskritik

          Literatur jedenfalls, hier ist Walser eindeutig, ist für ihn keine Gesellschaftskritik: „Der Autor ist auf keiner Position draußen, von der aus er die Gesellschaft kritisch beurteilen könnte, sondern er ist mittendrin. Er kann nur über sich in dieser Gesellschaft schreiben.“ Solche Worte aus dem Mund eines Schriftstellers, der einmal als links galt, eines Autors, der, wie er selbst sagt, immer schreiben wollte – ist das überzeugend? Wie sind Walsers Texte oder Weglassungen zu Auschwitz zu verstehen, wenn nicht gesellschaftskritisch?

          „Moralkeule Auschwitz“? Martin Walser über seine Rede in der Frankfurter Paulskirche.

          Thea Dorn zieht das Interview chronologisch auf, befragt Walser, der zur Flakhelfer-Generation gehört, nach seiner Kindheit und Jugend, erst vorsichtig, aber dann will sie es doch genau wissen: Wann hat Walser von der systematischen Vernichtung der Juden erfahren? Wenig überraschend ist von ihm daraufhin zu hören: „Erst nachträglich.“ Es ist die Einlassung, die jeder kennt, der sich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte auseinandergesetzt hat: Wir haben, lautet der Tenor, von alldem nichts gewusst. Aber irgendwie auch doch. Das zumindest ist den oft sprunghaften Ausführungen von Walser zu entnehmen. Vom KZ Dachau habe man gewusst. Aber man habe es nicht wissen dürfen.

          Die „Instrumentalisierung“ von Auschwitz

          Ein ums andere Mal mäandert Walser am Thema entlang; es fällt ihm sichtlich schwer, eine stringente Position beizubehalten. Das zeigt sich auch in seiner Reflexion der Paulskirchenrede. Fast schon gequält beschreibt er seinen Drang, im Angesicht von Verbrechen wegzuschauen: „Es tut mir leid, ich kann das nicht sehen. Diese gehäuften Leichen, da schaue ich weg. Ich finde nicht, dass ich das begründen muss. Ich kann Scheußlichkeiten nicht sehen.“

          Seine Dankrede sei Gegenstand von „grotesken Missverständnissen“ geworden. Mit dem Begriff der Instrumentalisierung habe er nur seine Kollegen Walter Jens und Günter Grass kritisieren wollen, die die deutsche Teilung als gerechte Strafe für Auschwitz interpretiert hätten. Keinesfalls habe er sagen wollen, dass Juden unberechtigt Ansprüche stellten. „Das bedauere ich“, sagt Walser, „das habe ich nicht geschafft, dieses Missverständnis aus der Welt zu bringen, das ist an mir hängengeblieben.“

          Was aus diesem Eingeständnis zu schließen ist, lässt der Schriftsteller offen. Vielleicht spiegelt sich in dieser Ambivalenz das 20. Jahrhundert mit seiner ganzen Last, die die wenigen noch lebenden Zeitzeugen zu tragen haben. Umso deplazierter muss Thea Dorns Frage erscheinen, ob Walser sich als „Glückskind“ verstehe. Nein, stellt Walser klar, ihm sei dauernd etwas passiert, wodurch er sich auf eine bestimmte Art habe verhalten müssen: „Es ging dann immer wieder weiter. Aber es war doch furchtbar schwer.“

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