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Martin Brambach im Porträt : Ungerechtigkeit macht ihn rasend

Sein Stiefbruder Jan Josef Liefers wirkt im Vorzeigekrimi der ARD schon mit, allerdings in Münster. Jetzt ist Martin Brambach in seiner Geburtsstadt dran. Bild: photoselection

Martin Brambach ist aus dem deutschen Fernsehen nicht wegzudenken. Nur einen Kommissar im „Tatort“ spielte er noch nicht. Das ändert sich jetzt – für den MDR dreht er in Dresden.

          Das Café, in dem wir uns verabredet hatten, ist geschlossen. Martin Brambach steht in Lederjacke, Jeans und dick besohlten Schuhen davor, man sieht ihm schon von weitem ein schlechtes Gewissen an. Andererseits - was kann er für Betriebsferien? Aus dem Fernsehen kennt man ihn als steifnackigen Fiesling, privat erweist er sich als überaus höflicher Gesprächspartner. Moderierend schiebt er jetzt sein Fahrrad in Richtung eines italienischen Eiscafés, wo ihn der Kellner mit „Hallo Martin, alles klar?“ begrüßt. Brambach, immer um gute Stimmung bemüht, antwortet: „Ja, super!“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir befinden uns in Recklinghausen, der Heimatstadt von Hape Kerkeling und Renate Künast. Die Stadt ist einstöckiger, nördlicher, verwinkelter als das gängige Bild vom Ruhrgebiet. Den Preistafeln zufolge ist sie äußerst günstig. Eine Currywurst bekommt man hier für wenig mehr als einen Euro, die Ständer mit Sonderangeboten hängen voll. Die Liebe hat Brambach hierhin geführt, und er blieb auch, weil er in Recklinghausen mit seiner Familie, zu der neben seiner Partnerin und deren Töchtern ein gemeinsamer Sohn gehört, günstig leben kann, wie er sagt. In fünf Minuten steht er, der täglich joggt, inmitten von Feldern, in zwanzig erreicht er das Schauspielhaus Bochum mit dem Auto. Brambach legt ein Päckchen mit Tabak und ein Smartphone mit zersplittertem Touchscreen auf den Kaffeetisch und bestellt einen Cappuccino. Wir haben jetzt zwei Stunden Zeit zum Reden, um sechzehn Uhr muss er seinen Sohn aus der Kita abholen.

          Von Liefers lernte er rauchen und Gitarre spielen

          Jetzt also wird Brambach „Tatort“-Kommissar. Allerdings nicht im Ruhrgebiet, in dem er sich wegen der „gelebten Solidarität“ so wohl fühlt, wie er sagt, und auch nicht im nahe gelegenen Münster, wo schon sein Stiefbruder Jan Josef Liefers ermittelt. Sondern in seinem Geburtsort Dresden, zu dem er, anders als Liefers, der dort aufwuchs, keine wirklich tiefe Beziehung hat.

          Beim neuen „Tatort“ des MDR aus Dresden spielt Brambach den Chef, Alwara Höfels (links) und Jella Haase übernehmen den Fall als Kommissarinnen.

          Die Familiengeschichte der beiden „Tatort“-Kommissare ist verwickelt. Brambach wuchs bei seiner Mutter Heidi, einer bekannten Kostümbildnerin, und dem Regisseur Karlheinz Liefers auf, dem Vater von Jan Josef. Die wahren verwandtschaftlichen Beziehungen wurden Martin bis zu seinem zwölften Lebensjahr verschwiegen. Dann fand er Unterlagen, die sein bisheriges Familienbild zerstörten. Anschließend lernte er Jan Josef Liefers kennen, der ihm erst einmal das Rauchen und das Gitarrespielen beibrachte. Brambach hat beides bis heute beibehalten. Beim „Tatort“, in dem er lange Zeit auf Täterfiguren abonniert war, lernte er auch seine heutige Frau kennen, Christine Sommer. Das Bild vom „Tatort“ als Lagerfeuer - man kann es nicht mehr hören, im Fall Martin Brambachs ist es aber völlig einleuchtend.

          Es war ein langer Weg bis zum Sonntagabendkommissar, der früher einmal als Festanstellung für Schauspieler galt, was heute aber nicht mehr stimmen soll. Brambachs frühe Karriere verlief zunächst ungewöhnlich reibungslos. 1984 kann er seiner Mutter aus der DDR in den Westen folgen, er geht in Hamburg zur Schule und ärgert sich über die unpolitische Haltung seiner Mitschüler. Mit achtzehn Jahren spielt er auf Betreiben des befreundeten Regisseurs Manfred Karge seine erste Rolle am Schauspielhaus Bochum, bald gehört er zum Ensemble des Kölner Schauspiels. Mit zweiundzwanzig Jahren wechselt er im Wendejahr 1989 zum Wiener Burgtheater. Schneller geht es kaum in die oberste Etage des deutschsprachigen Theaters.

          Leben auf der Kippe

          Wenn man Brambach auf die Palme bringen will, spricht man ihn auf Claus Peymann an. Der einstige Direktor des Burgtheaters hatte den jungen Schauspieler schon in der ersten gemeinsamen Probe in Wien mit den Worten heruntergemacht, so wie er, Brambach, gehe kein Mensch über die Bühne. Brambach verkrampfte sich daraufhin noch mehr. Noch heute bringen ihn ungerechte Regisseure in Wallung. Gern denkt er an den 2007 verstorbenen Theatergranden George Tabori zurück, der seine Schauspieler vor der Probe darum bat, heute so schlecht zu sein, wie es nur eben ginge - nur, um ihnen am Schluss mit einem Wangenkuss zu versichern, sie seien wieder mal viel zu gut gewesen.

          Bei dem Regisseur Einar Schleef hing Brambach dann 1998 in Elfriede Jelineks „Sportstück“ nackt von der Decke herab. Wer ihn bei den Mülheimer Theatertagen in dieser wüsten Inszenierung erlebt hat - sie gewann damals den Hauptpreis -, vergisst sein entschlossenes Spiel nicht mehr. Dabei hatte Brambach in der Schlussphase der Proben mit Schleef daran gedacht auszusteigen. Irgendetwas scheint dieser Mann an sich zu haben, das von einer Aufopferungsbereitschaft zeugt, die er dann doch lieber zügelt. Sein freundliches Wesen sollte man nicht mit Nachgiebigkeit verwechseln. Er hört zu, aber er stimmt nicht einfach zu. Er differenziert gerne, Ironie und jede Form von Uneigentlichkeit sind ihm fremd. Er wirkt nur äußerlich immer so hemdsärmelig.

          An der Berliner Schaubühne, Brambachs nächster Theaterstation zu Beginn des neuen Jahrtausends, atmet Brambach auf. Das dort praktizierte Mitsprachemodell liegt ihm. Doch die schon in Wien angehäuften Schulden wachsen ihm über den Kopf. Er muss die Theaterleitung um Auflösung seines Vertrags bitten. Ihm wird klar, dass er zum Film muss, um wieder Fuß zu fassen. Wenn er wie in den anrührenden Fernsehfilmen „Barfuß bis zum Hals“ oder „Neue Adresse Paradies“ Menschen spielt, deren Leben auf der Kippe steht, ist Brambach am überzeugendsten.

          Lust auf Klamauk

          In den letzten fünfzehn Jahren hat Martin Brambach in mehr als 150 Filmen mitgespielt; mit den „Fälschern“ und „Das Leben der Anderen“ war er 2006 und 2007 gleich zweimal als Fiesling in einem Oscar-Ensemble vertreten. Oft sind es kleine Rollen, die er durch seine akribische Vorbereitung mit menschlicher Größe und Abgründigkeit auflädt. Wenn Brambach Zeit hätte, würde er verschiedene Schauspieltechniken ausprobieren und sich intensiv mit der Theorie des Theaters auseinandersetzen, sagt er. Da er aber keine Zeit hat, hält er es mit seiner berühmten Kollegin Ilse Ritter („Ritter, Dene, Voss“), die ihm das Geheimnis ihrer Darstellungskunst mit nur einem Wort erklärte: Es sei einfach „dings“, mehr könne sie nicht sagen. Jetzt erklingt Brambachs schallendes Lachen, bei dem man so gern mitlacht, weil es meistens um die Beglaubigung eines heilsamen Scheiterns geht.

          Ermittelt hat er schon: Brambach als Kommissar Brauner im ZDF-Krimi „Unter anderen Umständen“

          Was kann er tun, um den neuen „Tatort“ aus Dresden, über den außer der Konstellation „Drei Ermittlerinnen und ein Chef“ bisher so gut wie nichts bekannt ist, auf die Erfolgsspur zu bringen? Nicht viel, sagt Brambach, der als Kommissariatsleiter künftig Peter Michael Schnabel heißen und nach den sibyllinischen Worten des MDR „kein Frauenflüsterer“ und auch „kein Rumschreier“ sein wird. Brambach jedenfalls hätte „Lust auf Klamauk“ und hofft auf eine dauerhafte Zusammenarbeit mit Ralf Husmann („Stromberg“), der die erste Dresden-Folge geschrieben hat. Sächseln wird Brambach wohl nicht. Zum letzten Mal ist er dazu bei den Dreharbeiten zu den „Fälschern“ aufgefordert worden. Er hat nicht widersprochen, stattdessen einfach berlinert, was der österreichische Regisseur Stefan Ruzowitzky aber nicht bemerkte. Der war auch mit dem falschen Sachsen zufrieden.

          Unsere Gesprächszeit ist um. Brambach verabschiedet sich höflich, er winkt noch mal dem Kellner zu, der sagt: „Alles klar, Martin.“ Brambach lächelt, dann eilt er, als säße ihm Peymann selbst im Nacken, mit seinem leicht unwuchtigen, irgendwie halbstarken, aber zugleich auch entschuldigenden Gang zu seinem Fahrrad mit Kindersitz. So geht wirklich kein Mensch - außer ebender erstaunliche Martin Brambach.

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