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„Marriage Story“ bei Netflix : Das muss das Ende sein

Keine glückliche Familie: Scarlett Johansson, Azhy Robertson und Adam Driver in „Marriage Story“. Bild: Netflix

Netflix zielt auf den Oscar: „Marriage Story“ mit Scarlett Johansson und Adam Driver ist ein großes Scheidungsdrama und erinnert an das legendäre „Kramer gegen Kramer“. Ob der Film auch so viele Preise gewinnt?

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          Wer schaut schon wirklich gerne Scheidungsdramen, stundenlange Nervenkriege mit Tränen, Gekeife und Gezerre vor der Kamera? In der Wirkung kathartisch wie Horrorfilme, aber weniger eskapistisch-unterhaltsam im Konsum, haben sie für ihre Produzenten einen unschlagbaren Vorteil: Sie bieten Schauspielern, Regisseuren und Drehbuchautoren beste Voraussetzungen dafür, zu glänzen, Kunst statt vermeintlich bloße Unterhaltung zu schaffen, Kritiker zu begeistern und – Oscars zu gewinnen. Robert Bentons Literaturverfilmung „Kramer gegen Kramer“ mit Dustin Hoffman und Meryl Streep hat es 1980 vorgemacht und fünf Academy Awards sowie vier Golden Globe Awards eingesammelt. Da ist es nur konsequent, dass unserer Tage der preishungrige Streaming-Gigant Netflix, der Hollywood-Studios das Fürchten lehrt und ins Geschäft um die große Leinwand drängt, mit Szenen aus dem Zusammenbruch einer Partnerschaft ins Rennen um die kommende Preisvergabe-Saison geht.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für „Marriage Story“, die Geschichte einer Ehe – oder doch eher: einer Scheidung – hat er zwei Top-Stars des amerikanischen Kinos verpflichtet, Scarlett Johansson und Adam Driver, und den Film auf den Filmfestspielen in Venedig sowie Toronto plaziert. Doch damit nicht genug: Zur Premierenfeier in New York lud der Streamingdienst in das traditionsreiche Lichtspielhaus „Paris“ nach Manhattan. Erst kürzlich hatte Netflix sich diesen 71 Jahre alten Vorführsaal, den letzten seiner Art in der Stadt, unter den Nagel gerissen, als Retter in der Not. Das renommierte Programmkino hatte vor dem Aus gestanden. Statt zu schließen, öffnete es Ende November den Disruptoren des Business seine Pforten. Filmreifer kann man eine freundliche Übernahme nicht inszenieren.

          Sein größtes Publikum wird „Marriage Story“ dennoch im Internet finden, zumal in Deutschland. Dort muss man Kinos mit der Lupe suchen, die den Film zeigen. Wer indes Streamingfilme, vor allem solche in Überlänge, anschaut, wie man Bücher nicht lesen sollte, es aber trotzdem hin und wieder tut, nämlich mit einem Blick auf Anfang, Ende und Mitte, kann sich mit folgenden drei Sequenzen ein Bild machen.

          Die ersten Minuten gehören einer einfühlsamen Exposition, in der Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson) aus dem Off sprechend aufzählen, was sie am jeweils anderen lieben. Dazu collagiert der Regisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach kleine Szenen aus dem Alltag des Paares, das mit dem gemeinsamen Sohn Henry (Azhy Robertson) in New York lebt. Charlie schätzt an seiner Frau ihre Fähigkeit zuzuhören, dass sie eine Mutter ist, die wirklich spielen kann, als Wettkampftyp nicht mal beim Monopoly gerne verliert, allen die Haare schneidet und – seine Lieblingsschauspielerin ist. Denn die beiden sind, was auch Woody Allen gefallen würde, nicht einfach ein Paar in der Krise, sondern ein intellektuell-kreatives Paar. Er leitet ein Off-Broadway-Theater in Manhattan, sie ist sein Star auf der Bühne. Nicole gefällt an Charlie, wie er Sandwiches mehr erwürgt als verzehrt, dass er im Kino weint, es auf fast enervierende Weise genießt, Vater zu sein, ebenfalls gerne wettstreitet, fürsorglich und autark ist. Ihr Part bleibt unausgesprochen. Die beiden sitzen beim Therapeuten, Nicole weigert sich, die von ihr verfasste Positivliste vorzulesen – was den Anfang vom Ende markiert.

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