https://www.faz.net/-gqz-9u514

„Marriage Story“ bei Netflix : Das muss das Ende sein

Wer skrupellos ist, spult direkt im Anschluss daran vor auf zwei Stunden, sechs Minuten und vierzig Sekunden, wo man erfährt, wie sich Charlies gute Eigenschaften aus dem Mund Henrys anhören und was für Menschen, die durch die Scheidungshölle gegangen sind, fast ein Happy End sein könnte, wenn es nicht so traurig wäre. Und wer mitten hinein will ins tiefste Dunkel, springt zum Showdown nach exakt anderthalb Stunden. In einem zehnminütigen Kammerspieldialog, der die Hauptdarsteller weit nach oben auf der Oscar-Kandidatenliste rücken lassen dürfte, durchschreiten wir mit ihren Figuren die ganze Strecke von freundlich-kühler Distanziertheit bis zu jenem glühenden Hass, den man nur fühlen kann, wenn man geliebt hat, und von dem erfasst man Dinge sagt, die nie gesagt werden dürften. In seiner Intensität übertroffen wird das nur von einem einsamen Gesang Adam Drivers, der Charlie in einer Bar mit halb brechender Stimme „Being Alive“ anstimmen lässt.

Ja, Noah Baumbach, der hier nach „Der Tintenfisch und der Wal“ zum zweiten Mal einen Scheidungskrieg inszeniert, flirtet in „Marriage Story“ mit dem Musical, doch seine Liebe gehört zweifellos dem Theater. Die Proben zu „Elektra“ spiegeln das Ehedrama, und Charlies Ensemble rückt in die Rolle des antiken Chors. Wenn Schauspieler spielende Schauspieler spielen, wirkt das in seinem ausgestellten Kunstwillen schnell überspannt und geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit. Auch „Marriage Story“ ist in seiner Überdeterminiertheit – Halloween-Verkleidungen schaffen eine weitere Theaterebene – zuweilen erschöpfend. Aber letztlich nimmt der Film diese Klippen, weil das Schauspiel auf der juristischen Bühne ohnehin allen Beteiligten jeglichen Realitätssinn raubt. Nicole engagiert die skrupellose Scheidungsanwältin Nora – glänzend gespielt von Laura Dern –, die vorexerziert, wie das geht: alles so hinbiegen, dass der andere als Schurke dasteht.

Dass der Rechtsbeistand die beste Freundin wäre, ist natürlich eine Illusion. Die Anwälte wollen Geld aus ihren Klienten herauspressen und die Gegenseite kleinkriegen, um ihren persönlichen Ehrgeiz zu stillen. So geht „Monopoly“ in echt. Charlie begreift schneller als seine Ehefrau, dass sie sich auf einen nicht nur finanziell selbstmörderischen Wahnsinn eingelassen haben, und doch heuert er nach einem sanften Menschenfreund einen Mann vom Kaliber Noras an.

Was „Marriage Story“ auszeichnet, ist die Nuanciertheit, mit der Noah Baumbach das Niemandsland einer Noch-Beziehung erkundet. Küsst man sich noch? Oder wieder? Wie verhält sich die Schwiegerfamilie? Wo entlang führt der Weg vom juristischen Sorgerechtsstreit zu Absprachen von Mensch zu Mensch? Zu Beginn mehr die Partei der Frau als die des Mannes ergreifend, lässt Baumbach letztlich die Frage, woran diese Liebe gescheitert ist, offen. Vielleicht hat Charlie Nicoles Wunsch, mehr Zeit in Los Angeles zu verbringen, ignoriert, weil für ihn nur die eigene Karriere zählte, und ihre Regie-Ambitionen unterminiert. Vielleicht hat Nicole sich von Charlie als ernstzunehmende Schauspielerin aufbauen lassen und sucht nun aus eigensüchtigen Motiven mit ihrem Sohn das Weite in Los Angeles, um im Fernsehen aufzutreten und Regie zu führen. Und vielleicht ist das Ende noch nicht das Ende.

Marriage Story läuft bei Netflix.

Weitere Themen

Tom Cruise gibt Preise ab

Golden Globes in der Krise : Tom Cruise gibt Preise ab

Die Hollywood Foreign Press Association, welche die Golden Globes vergibt, steht massiv in der Kritik. Ihr wird ein eklatanter Mangel an Diversität vorgeworfen. Tom Cruise veranlasste das zu einem bemerkenswerten Schritt.

Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

Bitte einsenden : Der Michael-Althen-Preis für Kritik 2021

Zur Erinnerung an den Redakteur und Filmkritiker Michael Althen hat die F.A.Z. einen Preis ausgeschrieben. Zum zehnten Mal soll eine Form der Kritik gewürdigt werden, die analytische Schärfe und emotionale Integrität verbindet.

Topmeldungen

Windräder in Hessen

CO2-Reduktion : Die heiklen Klimafragen sind vertagt

Union und SPD verschärfen die Klimaziele. Aber um die eigentlichen Fragen drücken sie sich herum. Wo etwa sollen neue Stromleitungen entstehen und wie stark steigt der CO2-Preis?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.