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Markus Lanz vertritt Kerner : Die Reinwaschung der Verona Pooth

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Hatte mit den Geschäften ihres Mannes „nix zu tun”, Markus Lanz lässt Verona Pooth aber trotzdem darüber reden Bild: dpa

Das war auch nicht schlimmer als das, was wir sonst auf diesem Sendeplatz gewöhnt sind: Zum Auftakt hat sich Kerner-Urlaubsvertretung Markus Lanz im ZDF aber gleich mal an Verona Pooth verhoben, die als Pressesprecherin ihres Mannes Franjo auswendig gelernte Argumente aufsagen durfte.

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          „Das freut mich“, hat Verona Pooth gesagt. Und ihr Gastgeber: „Mich auch. Das ist ein tolles Ergebnis.“ Ein tolles Ergebnis ist, dass 71 Prozent der Deutschen finden, Pooth sei nicht unsympathischer dadurch geworden, dass ihr Mann Franjo mit seinem Unternehmen Maxfield Insolvenz anmelden musste und die fiesen Details dieser Pleite nun täglich in der Boulevardpresse rauf und runter exerziert werden. Das hat jedenfalls das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des ZDF herausgefunden.

          Puh, da konnte Pooth ja beruhigt ins Bett gehen nach ihrem Auftritt bei Markus Lanz, der gestern im ZDF die Talk-Vertretung des Kollegen Johannes B. Kerner übernommen hat. Und sagen wir mal so: Das, was Lanz da veranstaltete, war auch nicht viel schlimmer als das, was wir sonst auf diesem Sendeplatz gewohnt sind. Aber eben leider auch kein Stück besser.

          Vielleicht hatte Lanz die Intention, das Gespräch journalistisch anzugehen

          Vielleicht hielt es die Redaktion tatsächlich für eine gute Idee, zum Auftakt einen Gast einzuladen, mit dem sich Schlagzeilen machen lassen. Womöglich hatte Lanz, weggeholt von RTL, sogar die Intention, journalistisch an dieses Gespräch heranzugehen, kritisch nachzufragen und die Fragen zu stellen, die in den Boulevardberichten zu kurz kommen. Aber das ist gründlich schief gegangen. Was da am Dienstagabend eine halbe Stunde im ZDF zu sehen war, kam einer Reinwaschung der Verona Pooth gleich, einer Frau und „Werbe-Ikone“ (wie das ZDF sie vorstellte), die als Pressesprecherin ihres Mannes auftrat, gründlich vorbereitet mit auswendig gelernten Argumenten, gar nicht unclever, aber so ganz anders als die Zuschauer sie sonst kennen, wenn sie ihre Verona-Rolle spielt.

          Sah aus, als wollte er den harten Journalisten geben: Markus Lanz

          „Ich hab ja mit dieser Firma nix zu tun“, hat Pooth erzählt, und dass es ihrem Mann überhaupt nicht gut gehe, dass er abgenommen habe, zu viel rauche, dass sie ja auch nur eine „normale Ehefrau“ sei, sich in die Geschäfte der Pleitefirma nie eingemischt habe, dass der „Markt der Unterhaltungselektronik“, in dem ihr Franjo sich versuchte, ein sehr „taffer“ sei, und dass sie glaube, die Medienmacher würden die „Endverbraucher“ unterschätzen, wenn sie jetzt versuchen würden, sie und ihren Mann kaputtzuschreiben. Forsa hat's bestätigt. „Ich kann einfach nichts dafür“, sagte Pooth. Und: „Ich bin ja eh nur ein Unterhaltungsfaktor.“

          Warum in aller Welt lädt das ZDF diese Frau ein, um über dieses Thema zu reden?

          Ja, aber warum in aller Welt lädt das ZDF diese Frau ein, um über die Geschäfte ihres Mannes zu reden, von denen sie sich doch so wenig mitbekommen haben soll, außer wenn er spät abends nachhause kam und schlecht drauf war? Es war eine absurde Situation, wie Lanz den investigativen Nachfrager spielte, zugleich aber seiner Gesprächspartnerin keinesfalls zu Nahe treten wollte.

          „Ich mein's nett an der Stelle“, stellte der Ex-„Explosiv“-Moderator zwischendurch klar und ließ Pooth ihr Programm vortragen. Da half es auch nichts, sich zu erkundigen, ob es denn angemessen sei, in einer solchen Situation nach Dubai in den Urlaub zu fahren, weil Pooth gleich kontern durfte, sie habe ihrem Mann den Urlaub bezahlt, damit die Familie den Kopf frei bekommen konnte. „Wir können ja nicht auf einen Campingplatz fahren und sagen: Uns geht's so schlecht.“

          Es war schrecklich, ein Alptraum

          Ein bisschen sah es so aus als würde Lanz in seiner Auftaktsendung endlich mal den harten Journalisten geben wollen. Im Gespräch mit den Gründern eines Stuttgarter Elite-Kindergartens ließ er seine (zugegeben äußerst unsympathisch wirkenden) Gäste richtig auflaufen, indem er deren Intention so grundsätzlich in Frage stellte, dass man sich als Zuschauer wunderte: Lädt das ZDF jetzt schon Leute ein, bloß um sie mal richtig vorführen zu können? Nur einmal konterten die sichtlich verdutzen Elite-Befürworter, als Lanz kritisierte, die von ihnen gehüteten Kinder würden mit ständigen Leistungsanforderungen unter Druck gesetzt: „Das wurde auf Wunsch Ihrer Kameraleute gestellt!“ Es half nur nichts.

          Im Gespräch mit einem Überlebenden der Eschede-Zugkatastrophe vor zehn Jahren war Lanz dann endgültig überfordert, schilderte minutiös den Ablauf des Unglücks und stellte immer wieder Fragen, auf die sein Gegenüber kaum zu antworten wusste, weil er bereits alles gesagt hatte: Es war schrecklich, ein Albtraum.

          Markus Lanz ist nicht Günther Jauch

          Es war kein besonders gelungener Auftakt, vor allem, weil das ZDF mit „Markus Lanz“ die unsägliche Experten-Abfragerei endgültig auf die Spitze treibt: Ein Insolvenzverwalter nahm die Verona-Beichte ab, der erste Psychologe half Lanz bei der Verurteilung der Elite-Gründer, und der zweite Psychologe erklärte, was Opfer eines Unglücks wie in Eschede durchmachen müssen und wie gut es war, dass die Familie da war, um Halt zu geben: „Das ist die Liebe, die Sie gerettet hat!“

          Mit Verlaub: Für diese Erkenntnis hätten wir keinen Experten gebraucht. Dementsprechend komatös sah das Publikum aus, ständig im Bild, weil Lanz auf den Kerner-Schreibtisch verzichtete und sich mit seinen Gästen ganz nah ran setzte an die Zuschauer im Studio, von denen erstmals nach einer halben Stunde Spontanapplaus kam, was so ziemlich die einzige am Bildschirm sichtbare Gefühlsregung blieb.

          Es sieht ein bisschen so aus als würde das ZDF „Markus Lanz“ als eine Art „stern tv“ für die Sommerpause aufziehen wollen, mit ein bisschen Boulevard, ernsten Themen, und scheinbar kritischen Nachfragen, von denen aber die meisten verpuffen. Nur: Markus Lanz ist nicht Günther Jauch, und als Moralexperte nur bedingt glaubwürdig, wenn er vor ein paar Wochen noch in „Explosiv“ den abgefilmten Drogenentzug des Schauspielers Willi Herren als vermeintliche TV-Therapie ankündigte.
          Es gibt noch genügend Zeit, das besser zu machen in den kommenden Wochen. Die Frage ist nur, ob das beim ZDF auch gewünscht ist.

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