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Washingtons Machtelite : Nur der Tod kann sie abberufen

Der Beobachter: Mark Leibovich (Mitte), Spitzname „Leibo“, notiert, wer in Washington in welchem Hinterzimmer Geschäfte macht. Sein Buch „This Town“ ist ein politischer Thriller. Bild: Getty

Der Journalist Mark Leibovich hat ein Porträt der herrschenden Klasse in Washington geschrieben: Politiker, Lobbyisten und Journalisten. Sie glauben, sie hätten Amerika in der Hand. Doch das könnte ein Trugschluss sein.

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          Die Nachricht vom Tod Ben Bradlees erhielt Mark Leibovich von seinem Verleger. Leibovich, Hauptstadtkorrespondent des Sonntagsmagazins der „New York Times“, war am Dienstag vergangener Woche beim Abendessen, als die E-Mail von Arthur Sulzberger Jr. bei ihm einging: „Das ist deine große Stunde, Mark!“ Am folgenden Tag wurde bekanntgegeben, dass die Trauerfeier für Bradlee, den Chefredakteur der „Washington Post“ von 1968 bis 1991, am heutigen Mittwoch in der National Cathedral stattfindet. Viele Kollegen von Leibovich verbreiteten diese Information über Twitter und setzten ohne Erläuterung Leibovichs Namen hinzu.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Leibovich hat im vergangenen Jahr ein Buch geschrieben, das der auf Journalistenbücher spezialisierte Stuttgarter Verlag Sagas Edition kürzlich in deutscher Übersetzung herausgebracht hat. „This Town“ („Politzirkus Washington“) ist ein Porträt der herrschenden Klasse der Hauptstadt, der Politikberater, Medienstrategen, Verbandsfunktionäre, Staranwälte und Altpolitiker. Ein bloßer Regierungswechsel raubt niemandem von ihnen die Beiratsmandate, Parkberechtigungen und Stammplätze im Steakhaus. Nur der Tod kann sie aus Washington abberufen. „This Town“ beginnt mit einem Begräbnis.

          Am 18. Juni 2008 versammelte sich ganz Washington im Konzertsaal des Kennedy Center am Ufer des Potomac, um Abschied zu nehmen von Tim Russert, der auf NBC sonntags die Talkshow „Meet the Press“ moderiert hatte. Sogar Altpräsident Bill Clinton und seine Frau Hillary, damals Senatorin für New York, erwiesen dem Fernsehmann die letzte Ehre, obwohl sie Russert, wie Leibovich weiß, „rundheraus nicht ausstehen konnten“ und von ihm „(zu Recht) annahmen, dass er sie ebenso verabscheute“. Woher weiß Leibovich das? Der Chronist kann Gedanken lesen, weil er Gesichter studiert. In der Hauptstadt der mächtigsten Republik der Weltgeschichte sind die Künste des Höflings nützlich.

          Der Name des Stammes

          Vor Russert, dem verhassten Virtuosen der lästigen Fragen, hatte Hillary Clinton im Juni 2008 ihre Hoffnungen auf eine Rückkehr ins Weiße Haus begraben müssen. Ein „Lächeln wie hart gewordenes Kaugummi“ trug sie beim Trauertermin zur Schau. Warum nehmen die Clintons solche Termine wahr? Leibovich weiß es: „Sie sind hier, um dem Verstorbenen mit mitfühlendem Blick Respekt zu zollen, wie es die Oberhäupter von Mafiafamilien tun, wenn der Pate eines rivalisierenden Clans fällt.“

          Mark Leibovich freut sich auf die Trauerfeier für Bradlee. „Das wird lustig!“ Er hat von 1997 bis 2006 bei der „Washington Post“ gearbeitet. Bradlee hatte damals noch ein Büro in der Redaktion und versorgte Neulinge freigebig mit dem Rat eines erfahrenen Mannes. „Ich mag Stammesrituale“, erzählt Leibovich. „Es könnte das ultimative Stammesritual werden.“ Der Titel der Originalausgabe seines Buchs ist der Name des Stammes, den die Stammesangehörigen selbst verwenden. Wenn sie von „dieser Stadt“ sprechen, meinen sie ein paar hundert Personen. Diese Stadt trotzt dem großen Gleichmacher: Eine schöne Leich, wie man in einer alten Hauptstadt der alten Welt sagt, schafft die perfekte Gelegenheit, die Statusverteilung im Stamm zu überprüfen.

          C-Span, der Fernsehsender, der rund um die Uhr Kongressanhörungen mitschneidet, wird den Trauergottesdienst übertragen. Die Aufzeichnung des Redemarathons zum Gedenken an Russert sah Leibovich sich während der Arbeit am Buch wieder und wieder an, damit ihm keine Gemütsbewegung auf den teuren Plätzen entging. Auch Bradlee, damals 86 Jahre alt, und seine Frau Sally Quinn, Kolumnistin der „Washington Post“, gaben dem Kollegen von der redenden Zunft das letzte Geleit. Leibovich zitiert aus einem Blogeintrag von Sally Quinn: „Ich fühle mich beinahe wie damals, als jemand wie Jack Kennedy oder sogar Katharine Graham starb.“

          Kennedy war Bradlees Kommilitone

          Katharine Graham, die Eigentümerin der „Washington Post“, die Bradlee freie Hand gelassen hatte, als die Watergate-Affäre die Zeitung zur Gegenspielerin der Regierung machte, wurde 2001 wie ein Altpräsident in der National Cathedral aufgebahrt. John F. Kennedy war Bradlees Kommilitone in Harvard gewesen. Als Nachbarn in Georgetown während Kennedys Zeit im Senat wurden sie beste Freunde. Bradlee gab sich als Doyen des undiplomatischen Corps, aber er fühlte sich im Innersten der Macht wie zu Hause. Sally Quinn ließ Bill Clinton auf dem Höhepunkt des Lewinsky-Skandals in ihrer Kolumne wissen, er passe nicht nach Washington. Für Leibovich repräsentieren die Bradlees wie die Clintons den Ortsgeist, der zwischen persönlichen Beziehungen und geschäftlichen Verbindungen nicht unterscheidet.

          Eine Freundschaft zwischen dem Präsidenten und einem Journalisten würde heute nicht mehr toleriert, vermutet Leibovich. Die Türen von Harvard öffneten sich für Bradlee, weil alle väterlichen Vorfahren seit 1795 dort gewesen waren. Bradlee sei „mit allen denkbaren Vorteilen gestartet“, sagt Leibovich. „Er hat das freimütig zugegeben, wollte sich aber nicht dafür entschuldigen. Es ist ungewiss, ob er in unserer Zeit so weit gekommen wäre, ob er in unsere Welt so nahtlos gepasst hätte.“ Die Distinktionsmerkmale der Bildungsaristokratie hätten in der Stammesökonomie an Wert eingebüßt. „Einige meiner besten Reporterkollegen haben noch nicht einmal einen Collegeabschluss. Es ist schon lustig, wenn man in Bradlees Memoiren davon liest, wie er immer wieder von jemandem beeindruckt war, der seinen Abschluss in Wellesley oder Columbia gemacht hatte.“

          Der Nachruf im „Guardian“ erklärt die Lautlosigkeit von Bradlees Aufstieg mit ganz besonderen Verbindungen: Kontakten zur Welt der Geheimdienste. Als Kulturattaché der Pariser Botschaft habe er Berichte für die CIA geschrieben. Leibovich zeigt sich überrascht von dieser Pointierung der britischen Sicht auf Bradlee. Nach seinem Eindruck ist die Schnittmenge der besseren Gesellschaft und der Geheimdienstgemeinschaft nicht sehr groß. „Ich bilde mir nicht ein, dass die Geheimnisse, die ich in meinem Buch enthülle, ähnlich wichtig wären wie die Geheimnisse der nationalen Sicherheit, mit denen mein Büronachbar James Risen jeden Tag zu tun hat.“

          Der Drehtürmechanismus

          Allerdings liefert die Sicherheitsindustrie besonders drastische Beispiele für eines der Hauptmotive des Buches: den Drehtürmechanismus des permanenten personellen Austauschs zwischen Regierung und Privatwirtschaft. „Seit der Gründung des Heimatschutzministeriums vor zwölf Jahren ist in diesen Bereich unerhört viel Geld geflossen.“ Nikolaus Brender, der frühere Chefredakteur des ZDF, weist in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe auf die Nachahmung amerikanischer Sitten im Berliner Regierungsviertel hin: Altpolitiker haben den lukrativsten Abschnitt ihrer Berufstätigkeit noch vor sich. Brender vergleicht den Autor von „This Town“ mit Balzac.

          Im Gespräch bilanziert Leibovich Barack Obamas verlorene Illusionen. „Er wollte Washington umkrempeln, das Geld aus der Politik verbannen, die Macht der eingesessenen Interessen brechen. Es ist schwer zu sagen, wie ernsthaft er versucht hat, diese Versprechen zu erfüllen. Als Marketingwerkzeug hat der Anti-Lobbyismus zweifellos seine Wirkung getan.“ Mission erfüllt: Nach Obamas Wiederwahl setzten sich seine Kampagnenhelfer in die K Street ab, die Straße der Lobbyisten. Die Stadt absorbiert die Neuankömmlinge, wie noch jede Kohorte von Umkremplern vor ihnen.

          Das Buch folgt der Chronologie, aber die Dinge bewegen sich im Kreis. Zirkulation ist das Lebensgesetz in der Hauptstadt der Drehtüren, diese Stadt ist ein geschlossener Kreislauf. Leibovichs satirische Brillanz scheint eine fatalistische oder sogar zynische Lesart dieser Ethnographie nahezulegen. Im Gespräch wird offenbar, dass er die Verhältnisse in Washington nicht für stabil hält. „Wenn man die Diskrepanz zwischen der Selbstgefälligkeit hier und der Abscheu im Lande betrachtet, zwischen dem Reichtum, der hier angehäuft wird, und den ökonomischen Schwierigkeiten überall sonst, erkennt man: Auf die Dauer kann das nicht gutgehen. Das Wahlvolk hat Appetit auf eine grundsätzliche Veränderung. Vielleicht wird der Kandidat einer dritten Partei diese Wünsche auf sich ziehen. Es kann sein, dass aus dem Kampf gegen die Korruption wieder ein Kreuzzug wird, wie vor hundert Jahren.“

          Sammlungsbewegung für staatskritische Wähler

          Stabilität ist der Aberglaube des Stammes. „Der Eindruck, den diese Stadt macht, täuscht: Die amerikanische Kultur hat bewiesen, dass sie sich verändern kann. Die Homosexuellenehe ist ein wunderbares Beispiel.“ Sogar die Waffengesetze führt Leibovich an: „Nach dem Massaker von Newtown wären sie beinahe reformiert worden.“ Dem republikanischen Senator Rand Paul aus Kentucky gibt Leibovich Chancen als Anführer einer Sammlungsbewegung für staatskritische Wähler von rechts und links. „Er ist ein schlauer Bursche, wirbt um schwarze Wähler. Er hat isolationistische Neigungen, befürwortet die Freigabe von Haschisch. Um diese libertären Prinzipien lässt sich eine breitere Koalition versammeln, als man für möglich gehalten hat.“

          Wenn es zu dieser demokratischen Rebellion des Landes gegen die oligarchische Stadt kommt, wird man Leibovichs ganzes Buch als Bericht von einem Begräbnis lesen. Im Prolog lässt der Anblick Ben Bradlees inmitten der Trauergemeinde für Tim Russert den Autor in die Zukunft blicken: „Wird der weißhaarige beste Freund John F. Kennedys auch eine solche Trauerfeier bekommen? Verdient hätte er sie wahrhaftig.“ Das letzte Kapitel schildert eine Abendgesellschaft im Haus von Ben Bradlee und Sally Quinn in Georgetown am 20. Dezember 2012. Die Gäste waren zur „Letzten Party“ gebeten worden, weil am Tag darauf angeblich der Weltuntergang gemäß dem Kalender der Maya anstand. Die Gastgeberin verriet Leibovich, dass ihr der Doppelsinn bewusst war. Ihr einundneunzigjähriger Gatte würde nicht mehr viele solche Gesellschaften geben können.

          Wird zu Bradlees Trauerfeier heute auch Jeff Bezos erscheinen, der dem Sohn Katharine Grahams im vergangenen Jahr die „Washington Post“ abgekauft hat? Wahrscheinlich ist das nicht. Mark Leibovich hat Bezos noch nie auf einer Party in Washington gesehen. „Man hätte ihn schon vor dem Kauf der ,Post‘ gerne in Augenschein genommen: einen faszinierenden, revolutionären, vielleicht gefährlichen Typ.“ Als Leibovich vor Jahren bei der „Washington Post“ für Technologie zuständig war, hat er Bezos mehrfach interviewt und ihn als „unheimlich kühn und ehrgeizig“ erlebt. „Auch der ,Boston Globe‘ und die Zeitschrift ,The Atlantic‘ gehören Milliardären. Das Geschäftsmodell dieser Publikationen läuft darauf hinaus, dass reiche Männer bereit sind, Geld zu verlieren. Auch die Presse ist heute oligarchisch, wie die Politik. Reiche Leute leisten sich ihre Spielzeuge und ihre Hobbyanliegen.“

          Hat es Leibovich nach seinem bösen Buch schwerer, Gesprächspartner in seiner Stadt zu finden? Das Gegenteil ist der Fall. „Viele Politiker haben das Buch gelesen. Sie denken alle, dass sie nicht Teil des Problems sind. Politiker wollen, dass man sie für Laien hält. Aber sie sind Profis.“ Seinem Mentor Ben Bradlee will Mark Leibovich seinen Dank abstatten, indem er heute in der National Cathedral Platz nimmt, in einer hinteren Bank, aber gut sichtbar. „Vielleicht wird das Einfluss auf das Benehmen der Leute haben: Vielleicht werden sie nicht ganz so eifrig ihre Netzwerke knüpfen und sich nicht ganz so aggressiv vor die Kameras drängen.“

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