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Washingtons Machtelite : Nur der Tod kann sie abberufen

Das Buch folgt der Chronologie, aber die Dinge bewegen sich im Kreis. Zirkulation ist das Lebensgesetz in der Hauptstadt der Drehtüren, diese Stadt ist ein geschlossener Kreislauf. Leibovichs satirische Brillanz scheint eine fatalistische oder sogar zynische Lesart dieser Ethnographie nahezulegen. Im Gespräch wird offenbar, dass er die Verhältnisse in Washington nicht für stabil hält. „Wenn man die Diskrepanz zwischen der Selbstgefälligkeit hier und der Abscheu im Lande betrachtet, zwischen dem Reichtum, der hier angehäuft wird, und den ökonomischen Schwierigkeiten überall sonst, erkennt man: Auf die Dauer kann das nicht gutgehen. Das Wahlvolk hat Appetit auf eine grundsätzliche Veränderung. Vielleicht wird der Kandidat einer dritten Partei diese Wünsche auf sich ziehen. Es kann sein, dass aus dem Kampf gegen die Korruption wieder ein Kreuzzug wird, wie vor hundert Jahren.“

Sammlungsbewegung für staatskritische Wähler

Stabilität ist der Aberglaube des Stammes. „Der Eindruck, den diese Stadt macht, täuscht: Die amerikanische Kultur hat bewiesen, dass sie sich verändern kann. Die Homosexuellenehe ist ein wunderbares Beispiel.“ Sogar die Waffengesetze führt Leibovich an: „Nach dem Massaker von Newtown wären sie beinahe reformiert worden.“ Dem republikanischen Senator Rand Paul aus Kentucky gibt Leibovich Chancen als Anführer einer Sammlungsbewegung für staatskritische Wähler von rechts und links. „Er ist ein schlauer Bursche, wirbt um schwarze Wähler. Er hat isolationistische Neigungen, befürwortet die Freigabe von Haschisch. Um diese libertären Prinzipien lässt sich eine breitere Koalition versammeln, als man für möglich gehalten hat.“

Wenn es zu dieser demokratischen Rebellion des Landes gegen die oligarchische Stadt kommt, wird man Leibovichs ganzes Buch als Bericht von einem Begräbnis lesen. Im Prolog lässt der Anblick Ben Bradlees inmitten der Trauergemeinde für Tim Russert den Autor in die Zukunft blicken: „Wird der weißhaarige beste Freund John F. Kennedys auch eine solche Trauerfeier bekommen? Verdient hätte er sie wahrhaftig.“ Das letzte Kapitel schildert eine Abendgesellschaft im Haus von Ben Bradlee und Sally Quinn in Georgetown am 20. Dezember 2012. Die Gäste waren zur „Letzten Party“ gebeten worden, weil am Tag darauf angeblich der Weltuntergang gemäß dem Kalender der Maya anstand. Die Gastgeberin verriet Leibovich, dass ihr der Doppelsinn bewusst war. Ihr einundneunzigjähriger Gatte würde nicht mehr viele solche Gesellschaften geben können.

Wird zu Bradlees Trauerfeier heute auch Jeff Bezos erscheinen, der dem Sohn Katharine Grahams im vergangenen Jahr die „Washington Post“ abgekauft hat? Wahrscheinlich ist das nicht. Mark Leibovich hat Bezos noch nie auf einer Party in Washington gesehen. „Man hätte ihn schon vor dem Kauf der ,Post‘ gerne in Augenschein genommen: einen faszinierenden, revolutionären, vielleicht gefährlichen Typ.“ Als Leibovich vor Jahren bei der „Washington Post“ für Technologie zuständig war, hat er Bezos mehrfach interviewt und ihn als „unheimlich kühn und ehrgeizig“ erlebt. „Auch der ,Boston Globe‘ und die Zeitschrift ,The Atlantic‘ gehören Milliardären. Das Geschäftsmodell dieser Publikationen läuft darauf hinaus, dass reiche Männer bereit sind, Geld zu verlieren. Auch die Presse ist heute oligarchisch, wie die Politik. Reiche Leute leisten sich ihre Spielzeuge und ihre Hobbyanliegen.“

Hat es Leibovich nach seinem bösen Buch schwerer, Gesprächspartner in seiner Stadt zu finden? Das Gegenteil ist der Fall. „Viele Politiker haben das Buch gelesen. Sie denken alle, dass sie nicht Teil des Problems sind. Politiker wollen, dass man sie für Laien hält. Aber sie sind Profis.“ Seinem Mentor Ben Bradlee will Mark Leibovich seinen Dank abstatten, indem er heute in der National Cathedral Platz nimmt, in einer hinteren Bank, aber gut sichtbar. „Vielleicht wird das Einfluss auf das Benehmen der Leute haben: Vielleicht werden sie nicht ganz so eifrig ihre Netzwerke knüpfen und sich nicht ganz so aggressiv vor die Kameras drängen.“

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