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Washingtons Machtelite : Nur der Tod kann sie abberufen

Kennedy war Bradlees Kommilitone

Katharine Graham, die Eigentümerin der „Washington Post“, die Bradlee freie Hand gelassen hatte, als die Watergate-Affäre die Zeitung zur Gegenspielerin der Regierung machte, wurde 2001 wie ein Altpräsident in der National Cathedral aufgebahrt. John F. Kennedy war Bradlees Kommilitone in Harvard gewesen. Als Nachbarn in Georgetown während Kennedys Zeit im Senat wurden sie beste Freunde. Bradlee gab sich als Doyen des undiplomatischen Corps, aber er fühlte sich im Innersten der Macht wie zu Hause. Sally Quinn ließ Bill Clinton auf dem Höhepunkt des Lewinsky-Skandals in ihrer Kolumne wissen, er passe nicht nach Washington. Für Leibovich repräsentieren die Bradlees wie die Clintons den Ortsgeist, der zwischen persönlichen Beziehungen und geschäftlichen Verbindungen nicht unterscheidet.

Eine Freundschaft zwischen dem Präsidenten und einem Journalisten würde heute nicht mehr toleriert, vermutet Leibovich. Die Türen von Harvard öffneten sich für Bradlee, weil alle väterlichen Vorfahren seit 1795 dort gewesen waren. Bradlee sei „mit allen denkbaren Vorteilen gestartet“, sagt Leibovich. „Er hat das freimütig zugegeben, wollte sich aber nicht dafür entschuldigen. Es ist ungewiss, ob er in unserer Zeit so weit gekommen wäre, ob er in unsere Welt so nahtlos gepasst hätte.“ Die Distinktionsmerkmale der Bildungsaristokratie hätten in der Stammesökonomie an Wert eingebüßt. „Einige meiner besten Reporterkollegen haben noch nicht einmal einen Collegeabschluss. Es ist schon lustig, wenn man in Bradlees Memoiren davon liest, wie er immer wieder von jemandem beeindruckt war, der seinen Abschluss in Wellesley oder Columbia gemacht hatte.“

Der Nachruf im „Guardian“ erklärt die Lautlosigkeit von Bradlees Aufstieg mit ganz besonderen Verbindungen: Kontakten zur Welt der Geheimdienste. Als Kulturattaché der Pariser Botschaft habe er Berichte für die CIA geschrieben. Leibovich zeigt sich überrascht von dieser Pointierung der britischen Sicht auf Bradlee. Nach seinem Eindruck ist die Schnittmenge der besseren Gesellschaft und der Geheimdienstgemeinschaft nicht sehr groß. „Ich bilde mir nicht ein, dass die Geheimnisse, die ich in meinem Buch enthülle, ähnlich wichtig wären wie die Geheimnisse der nationalen Sicherheit, mit denen mein Büronachbar James Risen jeden Tag zu tun hat.“

Der Drehtürmechanismus

Allerdings liefert die Sicherheitsindustrie besonders drastische Beispiele für eines der Hauptmotive des Buches: den Drehtürmechanismus des permanenten personellen Austauschs zwischen Regierung und Privatwirtschaft. „Seit der Gründung des Heimatschutzministeriums vor zwölf Jahren ist in diesen Bereich unerhört viel Geld geflossen.“ Nikolaus Brender, der frühere Chefredakteur des ZDF, weist in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe auf die Nachahmung amerikanischer Sitten im Berliner Regierungsviertel hin: Altpolitiker haben den lukrativsten Abschnitt ihrer Berufstätigkeit noch vor sich. Brender vergleicht den Autor von „This Town“ mit Balzac.

Im Gespräch bilanziert Leibovich Barack Obamas verlorene Illusionen. „Er wollte Washington umkrempeln, das Geld aus der Politik verbannen, die Macht der eingesessenen Interessen brechen. Es ist schwer zu sagen, wie ernsthaft er versucht hat, diese Versprechen zu erfüllen. Als Marketingwerkzeug hat der Anti-Lobbyismus zweifellos seine Wirkung getan.“ Mission erfüllt: Nach Obamas Wiederwahl setzten sich seine Kampagnenhelfer in die K Street ab, die Straße der Lobbyisten. Die Stadt absorbiert die Neuankömmlinge, wie noch jede Kohorte von Umkremplern vor ihnen.

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