https://www.faz.net/-gqz-a34xs

Mario Adorf zum Neunzigsten : Das Große braucht keine Worte

Dass er als Frederick Santer Winnetous Schwester Nscho-Tschi erschoss, sollen ihm manche bis heute nicht verziehen haben: Der Schauspieler Mario Adorf Bild: dpa

Er konnte eine Gewalt verkörpern, die sich nicht ständig beweisen musste: Dem Schauspieler Mario Adorf zum Neunzigsten.

          3 Min.

          Der Schurke, dem er seinen Ruhm verdankte, war gar keiner. In der Rolle des Bruno Lüdke, des geistig behinderten Serienmörders, der 84 Morde gestand, von denen er sehr wahrscheinlich keinen einzigen begangen hatte, wurde Mario Adorf zu einem Star und im Laufe der Jahre zu einem der wenigen deutschen Schauspieler, deren Gesicht man auch im Ausland kennt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Adorf, der an der Falckenberg-Schule studiert und an den Münchner Kammerspielen auf der Bühne gestanden hatte, war erst in einigen kleinen Rollen beim Film untergekommen, etwa als Gefreiter Wagner in der Kirst-Verfilmung „08/15“, als Robert Siodmak ihn in München im Theater sah. Das Stück war die Bühnenadaption eines Romans, der in der Verfilmung mit Humphrey Bogart von 1954 zu einem Hollywood-Klassiker werden sollte: „Die Caine war ihr Schicksal“. Adorf spielte einen Stenotypisten, der kein Wort Text zu sprechen hatte, aber Siodmak war von der stummen Präsenz des jungen Mannes so beeindruckt, dass er ihn als Frauenmörder Bruno Lüdke besetzte. So hat es Siodmak in seiner Autobiographie erzählt.

          Was der jüdische Regisseur, der 1939 vor den Nazis nach Paris und dann nach Hollywood geflohen war, gemeint haben dürfte: Wirkung ohne Worte, Intensität allein durch Blicke und Gesten, Präsenz, die von einem Augenblick zum anderen in eine Aura der Bedrohlichkeit umschlagen konnte. Das wurden Adorf stärkste Mittel. War Klaus Kinski der Psychopath des deutschen Films, der mit jedem Auftritt wahnhafter wirken wollte, so konnte Adorf eine Brutalität verkörpern, die sich eben nicht ständig beweisen musste. Seine Gewalttätigkeit vermochte ohne Gewalt auszukommen. Dass er sie oft mit einem Hauch von Verletztheit zu umgeben wusste, ließ ihn nur umso gefährlicher wirken. Adorf kann beides spielen: das Menschliche im verwundeten Tier und das Tierische im verwundeten Menschen. In Gutachten und in den Nachkriegsmedien wurde der historische Lüdke mit Menschenaffen verglichen, aber als halbes Tier wollte Adorf ihn nicht spielen.

          Diese Rolle bereut er heute: In „Nachts, wenn der Teufel kam“ spielt Mario Adorf den vermeintlichen Serienmörder Bruno Lüdke.
          Diese Rolle bereut er heute: In „Nachts, wenn der Teufel kam“ spielt Mario Adorf den vermeintlichen Serienmörder Bruno Lüdke. : Bild: Picture-Alliance

          Stattdessen zeigte er einen kranken Menschen, misstrauisch, einsam, verschlagen, ein großes Kind, das böse Spiele spielt. Dass Bruno Lüdke kein Mörder war, konnte das Filmteam damals nicht wissen. Lüdke hatte Vertrauen zu dem ermittelnden Kommissar gefasst und wollte ihn nicht enttäuschen. Also tat er, was von ihm erwartet wurde: Er gestand. Weil die Gelegenheit günstig erschien, glaubte man an ungelösten Fällen aus den Akten, was zu finden war. Am Ende waren es Dutzende von Morden, verübt in ganz Deutschland und begangen angeblich von einem Kleinkriminellen, der nicht einmal in der Lage war, einen Ladendiebstahl auszuführen, ohne dabei gefasst zu werden. Aber das ist die heutige Sicht auf den Fall. Einen Unschuldigen konnte und wollte Adorf damals nicht spielen, aber dass Bruno Lüdke dem manipulativen Kommissar vertraute, dass er zu ihm aufschaute, ihn bewunderte, dass hatte er erfasst und machte es sichtbar.

          „Nachts, wenn der Teufel kam“ startete 1957 in den Kinos, im selben Jahr wie „Der Edelweißkönig“ oder „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“, erhielt zehn Bundesfilmpreise, darunter einen für Adorf als besten Nachwuchsdarsteller, und wurde für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Für den deutschen Heimatfilm, das dominierende Genre der Wirtschaftswunderjahre, war Adorf danach verloren. An der Seite von Rudolf Prack konnte man ihn sich nicht vorstellen. In den Karl-May-Verfilmungen der sechziger Jahre, auch eine Art Heimatfilm, hätte er eigentlich eine feste Größe werden müssen, aber es blieb beim einmaligen Auftritt als Bösewicht Santer, der Winnetous Schwester Nscho-tschi, gespielt von Marie Versini, erschoss. Das sollen ihm einige bis heute nicht verziehen haben.

          Heiß geliebt und oft zitiert: Als Generaldirektor Heinrich 'Heini' Haffenloher gab Mario Adorf in „Kir Royal“ den zeitlosen Kapitalisten.
          Heiß geliebt und oft zitiert: Als Generaldirektor Heinrich 'Heini' Haffenloher gab Mario Adorf in „Kir Royal“ den zeitlosen Kapitalisten. : Bild: Allstar/Balance Film

          Zu jenen raren Schauspielern, die auch schlechte Filme durch ihren Auftritt zu einem Ereignis machen, hat er nie gehört. Aber man kann große Darsteller auch daran erkennen, dass ihnen selbst grottenschlechte Rollen auf Dauer nichts anhaben können. Seine Ausflüge in die Welt des Spaghetti-Westerns und überhaupt des italienischen Films sind ein Kapitel für sich. Als Bruder Tuck kämpfte er 1971 an der Seite von Giuliano Gemma als Robin Hood in „Der feurige Pfeil der Rache“ für das Gute. Das Gute und Mario Adorf haben auch diesen Film überstanden, und so stand er schon ein Jahr später in „König, Dame, Bube“ an der Seite von David Niven und Gina Lollobrigida vor der Kamera.

          Als Alfred Matzerath in Schlöndorffs Verfilmung der „Blechtrommel“ war er ein Glücksgriff des Regisseurs, mit dem er bereits 1975 in „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zusammengearbeitet hatte. Danach erlangte er in Deutschland einen Status, der an Omnipräsenz grenzt: Unvergesslich ist seine Verkörperung des rheinischen Unternehmers Haffenloher in „Kir Royal“ (1986), fast schon sprichwörtlich sein „großer Bellheim“ (1993), tragisch-komödiantisch sein Münchner Schickimicki-Wirt Paolo in Helmut Dietls „Rossini“ (1997). In Interviews hat Adorf sich in diesen Tagen von Siodmaks Film distanziert. Er leide darunter, dass er bei einem „Propagandawerk“ mitgemacht und einem realen Menschen ein Unrecht angetan habe. Lüdke wurde von den Nazis zwangssterilisiert und vier Jahre später vermutlich bei Menschenversuchen im Kriminalmedizinischen Institut in Wien ermordet. Das war 1944, in dem Jahr, in dem sich Mario Adorf freiwillig zum Kriegsdienst meldete, als knapp Vierzehnjähriger. Heute wird er neunzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Lieber Verlierer

          Johannes Herwigs Jugendroman : Lieber Verlierer

          Unter den Punks von Connewitz: Johannes Herwigs Jugendroman „Scherbenhelden“ schildert in Schlaglichtern die Leipziger Gesellschaft Mitte der neunziger Jahre, das subjektive Erleben eines Systemwechsels.

          Topmeldungen

          Reges Treiben in der Londoner U-Bahn

          Staatshilfen benötigt : Londons U-Bahn in Not

          Die Londoner „Tube“ leidet unter den Folgen der Corona-Pandemie. Die schon vorher defizitäre Verkehrsgesellschaft TfL braucht Staatshilfe in Milliardenhöhe.
          Auf dieses Bild werden die Frankfurter in diesem Jahr verzichten müssen: Der Weihnachtsmarkt am Römer (Archivbild von 2015)

          Höchststand an Neuinfektionen : Frankfurt sagt Weihnachtsmarkt ab

          Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist endgültig abgesagt. Das hat Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) nach einer Sondersitzung des Verwaltungsstabs am Samstag bestätigt. Zudem beschließt die Stadt weitere Einschränkungen.
          Ein Adelssitz im Zwielicht: die Burg Hohenzollern bei Hechingen in Baden-Württemberg

          Entschädigungsansprüche : Das Recht der Hohenzollern

          Der Ton in der Debatte wird schärfer: Im Streit um die Entschädigungsansprüche der Hohenzollern werden Politik und Verwaltung von Kammerjägern unter Druck gesetzt. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.