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Margot Honecker im Fernsehporträt : Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern

Und es war schon absurd, gefährlich absurd: Die letzte SED-Regierung und die folgende, im März 1990 erste frei gewählte der DDR, waren mit sich selbst beschäftigt, wie den Schilderungen von Hans Modrow und Lothar de Maizière zu entnehmen ist, hatten keine Zeit, sich Gedanken zu machen, was mit den Honeckers geschehe. Am Ende des Tages des Verhörs, erinnert sich Ralf Romahn, damals Oberstleutnant der Kriminalpolizei, mit sensationeller Lässigkeit (“ich verhörte den ehemaligen Staasratsvorsitzenden - na, aber hallo“), waren die Honeckers „die berühmtesten Obdachlosen der DDR“. In die Spitzenkadersiedlung Wandlitz zurück konnten sie nicht, die stand vor der Auflösung, neuer Wohnraum wurde ihnen nicht zugewiesen. Sie irrten buchstäblich umher, ohne jede Bewachung. Das sei, sagt der zwielichtige CDU-Mann Peter-Michael Diestel, der damals Innenminister wurde, der „Todesstrafe“ gleichgekommen.

Kam es aber nicht, denn nun tritt der eigentliche Held der Geschichte auf: Der evangelische Pfarrer Uwe Holmer aus dem brandenburgischen Lobetal, der die Honeckers von Januar 1990 an zehn Wochen lang aufnimmt. Er räumt das Kinderzimmer unter dem Dach frei, während sich draußen, am Gartenzaun, aufgebrachte Bürger versammeln und drohen, das Pfarrhaus zu stürmen. Ein einziger Volkspolizist ist stetig vor Ort. Doch den ehemaligen Staatschef schützt der Mann der Kirche - wer Honecker an den Kragen wolle, müsse erst einmal an ihm vorbei. Von Holmers zehn Kindern hatte keines Abitur machen dürfen - nun sitzen die ehemalige Bildungsministerin und der abgesetzte Staatschef bei ihm am Küchentisch.

Von Dankbarkeit für dieses Asyl ist bei Margot Honecker wenig zu spüren, es scheint ihr eher peinlich zu sein, dass sie ausgerechnet bei der Kirche unterkriechen mussten. Hans Modrow ringt sich heute zu einer Entschuldigung durch, die damalige Situation tue ihm leid, sagt er. Lothar de Maizière will so weit nicht gehen. Wenn sie sich an die kurzzeitige Unterbringung in einem Regierungsgästehaus in Lindow erinnert, die im März 1990 nur einen Tag dauerte - dann ging es aus Sicherheitsgründen zurück zu Pfarrer Holmer in Lobetal -, stilisiert sich Margot Honecker zur tragischen Revolutionsheldin: „Wenn der Pöbel das so will, können wir auch hier sterben.“

Man wird darauf zurückkommen

In Lindow hat sich im Nu abermals eine protestierende Menge versammelt. Aber diese wird eben nicht zum meuchelnden Mob. Honecker habe doch Glück gehabt, sagt der frühere russische Außenminister Eduard Schewardnadse. Denken Sie nur an Ceausescu! Die Lindower hätten ihrem Unmut Luft gemacht, aber sich eben doch friedfertig verhalten, sagt der Bürgerrechtler Rainer Eppelmann. Und dann - ist Honecker plötzlich weg. Im November 1990 ergeht Haftbefehl gegen ihn wegen des Schießbefehls, doch er hat sich zu den Russen gerettet, fliegt nach Moskau, da ihm dort ein Jahr später die Ausweisung in die Bundesrepublik droht, flüchten die Honeckers in die chilenische Botschaft in Moskau und - gehen ins Exil. Drei Jahre später stirbt Honecker in Santiago de Chile. Ende der Geschichte?

Für Margot Honecker, die eiserne Lady der untergegangenen DDR, nicht: „Es war nicht umsonst, dass die DDR existiert hat. Man wird darauf zurückkommen.“ Doch halten wir es lieber abermals mit Helmut Schmidt: „Im Jahr 2030 werden nicht einmal mehr die Kinder in der Schule lernen, wer Erich Honecker war.“ Dieser Satz dürfte dessen Witwe, die ehemalige Bildungsministerin, besonders hart treffen. Eric Friedlers Film hingegen ist Unterrichtsmaterial, das bleibt.

Eric Friedler

Eric Friedler Eric Friedler, geboren 1971 in Sydney, Australien, leitet beim NDR die Abteilung Sonderprojekte für Dokumentarfilm und Dokudrama. Er hat den Hamburger „Tatort“ mit Mehmet Kurtulus mitentwickelt. Zuvor war er Reporter beim SWR, unter anderem für „Report“. Volontiert hat er bei verschiedenen amerikanischen Medien. Für „Aghet“, seinen Film über den Völkermord an den Armeniern, erhielt Friedler den Deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis und eine Gold World Medal beim New York Film Festival.

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