https://www.faz.net/-gqz-6yt72

Margot Honecker im Fernsehporträt : Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern

Für siebentausend Zwangsadoptionen soll Margot Honecker verantwortlich gewesen sein. Doch in ihrer Diktion haben diese nie existiert. Es gab keine Zwangsadoptionen, und es gab „keinen Schießbefehl, sondern nur Waffengebrauchsbestimmungen“. Der Fall der Mauer - diese „Ereignisse“ - war selbstverständlich eine „Konterrevolution“, angezettelt von Agenten des Westens und nützlichen Idioten. Die deutsche Einheit - „ein Irrtum“. Die Toten an der Mauer? „Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern, um diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen.“ Der wirtschaftliche Niedergang der DDR - „ist einfach nicht wahr“. Das Aufbegehren gegen das Regime? „Es gab in der DDR auch Feinde, deshalb gibt es ja auch eine Staatssicherheit.“ Und die Opfer? „Es gab Kriminelle, die sich heute als politische Opfer ausgeben.“ Sie wisse, „wer was sagt“, im Zweifel würden die Betreffenden „dafür bezahlt“. Schuldgefühle? „Das hat mich nicht berührt, da habe ich einen Panzer.“

Margot und Erich Honecker um 1979 bei einer Parade in Berlin Bilderstrecke

Stünde dieses Interview für sich allein, könnte man an der Härte und Selbstgerechtigkeit der Margot Honecker verzweifeln. Die Jüngeren, welche die DDR nur aus dem Geschichtsbuch kennen, würden es vielleicht gar nicht verstehen. Eric Friedler wusste das, als er aus Chile zurückkehrte, und er wusste sich zu helfen. Er bettet das Gespräch, um das viele Medien seit Jahren kämpfen, in den historischen Kontext ein. Er lässt eine Mutter zu Wort kommen, die in den Westen fliehen wollte und deren Sohn in eine fremde Familie kam, er hört einen Mann, der von der Zeit im Jugendwerkshof berichtet, in den in der DDR Jugendliche gesteckt wurden, die auffällig geworden waren und dort - behandelt wie Schwerverbrecher - gebrochen wurden: „Das war lebenslänglich.“

So stellt Eric Friedler Worte und Taten der Margot Honecker einander gegenüber. Er rafft die Geschichte der DDR in ihren wesentlichen Zügen, das Geschehen im Herbst 1989 schließlich schildert er spannend wie einen Krimi. Honeckers Staatsbesuch in der Bundesrepublik von 1987 ruft er auf, wir sehen einen vor Selbstbewusstsein glückseligen Erich Honecker, der in Bonn mit militärischen Ehren empfangen wird, beim Staatsbankett aber versteinert, als Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Tischrede darauf zu sprechen kommt, dass die Menschen hüben wie drüben der Mauer „unter der Teilung leiden“. Das war der Preis, den Honecker für die diplomatische Anerkennung bezahlen musste, den hatte sich die Bundesregierung, wie Wolfgang Schäuble erzählt, genau überlegt.

Die berühmtesten Obdachlosen der DDR

Helmut Schmidt erinnert sich in seiner unnachahmlichen coolen Art an die Treffen mit der DDR-Führung. Honecker? „Ein wichtiger Mann an der Spitze eines diktatorischen Regimes.“ Mit dem der Wechsel „auf eine anständige Art“ nicht zu machen war und der den Bezug zur Realität verloren hatte, wie Egon Krenz sagt. Also musste er weg. Honecker wird entmachtet, im Dezember 1989 klagt ihn der Generalstaatsanwalt der DDR wegen Amtsmissbrauchs und Hochverrats an. Entlassen nach einer Nierenoperation aus der Charité, muss Honecker einen Tag im Gefängnis Rummelsburg verbringen. Er wird verhört und - steht mit einem Mal auf der Straße. Woran sich Margot Honecker mit gebührender Verbitterung ob des Verrats der eigenen Leute erinnert. Sie gibt jedem eins mit: Gorbatschow (“dieses Geschwätz“), Modrow (“das gute Hänschen“) und Gregor Gysi, der die DDR nicht verherrlicht (“Er hat ein loses Mundwerk. Er hat unter dieser Diktatur offensichtlich nicht schlecht gelebt.“).

Weitere Themen

Topmeldungen

SPD-Vorsitz : Scholz will im Duo mit Klara Geywitz antreten

Vizekanzler Olaf Scholz hat eine Frau für die Kandidatur zum SPD-Vorsitz gefunden: die wenig bekannte Klara Geywitz aus Brandenburg. Generalsekretär Klingbeil und Niedersachsens Ministerpräsident Weil wollen nicht antreten.

Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.
Jamie Dimon, Vorstandsvorsitzender der Großbank JPMorgan Chase, ist auch Vorsitzender des „Business Roundtable“.

Erklärung : Amerikas Unternehmenslenker rufen zur Nachhaltigkeit auf

Eine der wichtigsten Interessengruppen amerikanischer Unternehmen trägt in einer Erklärung die Orientierung am „Shareholder Value“ zu Grabe. Nicht nur das Wohl der Anteilseigner, sondern das der ganzen Gesellschaft soll künftig zählen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.