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Althen-Preisträgerin 2020 : Kritisierte Kritiker

Mareike Nieberding Bild: privat

Der Michael-Althen-Preis geht in diesem Jahr an die Journalistin Mareike Nieberding für ihr im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschienenes Porträt der französischen Schriftstellerin Alice Zeniter.

          2 Min.

          Die Feier fällt leider aus in diesem Herbst – und naturgemäß ist so eine Zeitungsspalte zu kurz, als dass sie die schöne Feuilletonparty ersetzen könnte, die, solange man einander noch näher kommen durfte, zur Verleihung des Michael-Althen-Preises jedes Jahr in Berlin gefeiert wurde, mit all den Reden und Lesungen, den Blumen, den Drinks, den Gesprächen, dem Klatsch. Und der Laudatio auf die Preisträgerin, die in diesem Jahr Mareike Nieberding heißt, als Redakteurin fürs Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ arbeitet und dort im September des vergangenen Jahres den Text veröffentlicht hat, der jetzt die Jury überzeugt hat: „Flucht & Sühne“, ein Porträt der französischen Schriftstellerin Alice Zeniter.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Wobei es sich die Jury richtig schwer gemacht hat. Die Jury, das sind die Schauspielerin Claudia Michelsen, der Regisseur Dominik Graf, der Schriftsteller Daniel Kehlmann, der Regisseur Tom Tykwer – und dass das eine Jury der Künstler (und nicht der Journalisten) ist, hat vor allem damit zu tun, dass Michael Althen, der vor neun Jahren verstorbene Filmkritiker dieser Zeitung, selbst von solchen Künstlern gern gelesen wurde, deren Werke er nicht so überzeugend fand, einfach weil Althen ihnen als der ideale Zuschauer, Zuhörer, Leser gegenübertrat. Es geht also auch um die Frage, was herauskommt, wenn Künstler, deren Arbeit sonst von Feuilletonisten bewertet wird, ihrerseits die Arbeit der Feuilletonisten bewerten.

          Die Antwort: Sie nehmen diese Arbeit extrem ernst. Eine Jurysitzung gab es nicht in diesem Jahr, zu voll waren die Terminkalender – aber die Botschaften, die Argumente, die Plädoyers, die per Mail hin- und hergingen, waren so erstaunlich, so konzentriert und respektvoll und ganz anders, als wenn Journalisten über Journalismus sprechen, dass man sie, als Journalist, am liebsten gleich veröffentlichen würde, wenn man dürfte (man darf leider nicht).

          Wie immer stand im Hintergrund auch die Frage, ob Michael Althen jemals den Althen-Preis gewonnen hätte, er, der doch so ein besonderer Kritiker vor allem im Umgang mit dem Unbesonderen war, mit den Filmen, die halt gerade auf dem Programm standen und die er nicht nur mit unabweisbarem Sachverstand, sondern mit riesiger Empathie für die Figuren und für deren Schöpfer besprach: auf vielleicht 150 Zeilen, in denen er sich selbst auch noch beim Zuschauen und Mitfühlen beobachtete. Michael Althen, wie wir ihn kannten, hätte die Frage, welchen Artikel er zum Althen-Preis einreichen solle, so lange vertagt, bis der Einsendeschluss verstrichen gewesen wäre. Um dann zu sagen, er brauche keinen Preis, er habe ja den schönsten Beruf der Welt.

          Zu den besten Traditionen des Preises (den diese Zeitung zum neunten Mal vergibt) gehört es, dass auch Leserinnen und Fans ihre Lieblingsartikel einreichen – und so standen auf der Shortlist zum Beispiel ein Essay über die Wirkungen des Projekts „Männerwelten“; eine Reportage über Daniel Richters Arbeit, von der leeren Leinwand bis zum fertigen Gemälde; ein sehr persönlicher Essay über den Streit um den Historiker Achille Mbembe.

          Dass Mareike Nieberding gewonnen hat, das hat nach Aussage der Jury damit zu tun, dass der Text von starken Gefühlen nicht nur erzählt, sondern dass er solche Gefühle evoziert – ohne dass er auf Effekte hin geschrieben wäre. Mareike Nieberding liest Alice Zeniters Roman „Die Kunst zu verlieren“, sie besucht die algerischstämmige Autorin – und sie entwickelt daraus einen Essay über die Frage, was eigentlich Herkunft ist; und welche geistige und seelische Bewegungsfreiheit man sich gegen diese Herkunft erkämpfen kann und muss.

          Der Preis ist dotiert mit fünftausend Euro, die auch in diesen Tagen problemlos übergeben werden können. Und falls im nächsten Jahr wieder gefeiert werden darf, gibt es eben doppelt so viele Reden.

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