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Marcel Reich-Ranicki : Der Moment, da er sich selbst gegenübersteht

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Reich-Ranicki sagt, er blicke der Verfilmung voller Hoffnung entgegen. Und voller Furcht. Die Zuschauer sollen verstehen, „was damals geschehen ist“, auch „was Menschen Menschen antun können“. Erst recht die Ratlosigkeit der Juden in Deutschland und Polen. Die Eltern - den Vater spielt im Film Joachim Król, die Mutter Marja Maja Maranow - wurden in Treblinka ermordet, der Bruder in Poniatowa. Er selbst und seine Frau Tosia (Katharina Schüttler) überlebten.

Am Nachbartisch sitzt der Regisseur, Dror Zahavi. Er sei in Israel unter Überlebenden des Holocaust aufgewachsen, sagt er. Er wisse natürlich, mit welchen Mitteln die Atmosphäre der NS-Zeit im Film darzustellen sei, werde sich dieser Mittel auch bedienen. Wichtig aber sei es für einen Film, der dreißig Jahre einer Biographie erzählt (man ahnt, der Film könnte kurz nach Reich-Ranickis Rückkehr nach Deutschland 1958 schließen), Reich-Ranickis Verhältnis zur Literatur darzustellen: „Literatur als Lebenskraft. Literatur, über die man auch das Leben lernen kann. Literatur als Heimat für Sie, so wie außer ihr doch nur Ihre Frau so etwas wie Heimat für Sie ist.“

„Das ist selbstverständlich, aber kompliziert“, entgegnet Reich-Ranicki. „Ich warne vor einem Film, der nur eine kleine Minderheit ansprechen könnte.“

„Haben Sie keine Angst, das wird keine Literaturstunde“, sagt der Regisseur. „Dann machen Sie das, was Sie wirklich wollen. Was Sie spüren, machen zu können. Haben Sie keine Angst, Sie werden es gut machen“, schließt Reich-Ranicki.

Das Drehbuch will er nicht lesen

Reich-Ranicki will dem Filmteam Mut machen. Er spricht von Mitteln des Films, mit denen dargestellt werden könne, was schreibend nicht möglich sei. Von künstlerischen Freiheiten, vom Geist seines Buches. Und streift en passant doch einige Schlüsselszenen, ist doch beruhigt, als er einen Herrn im Raum ausmacht, der gelesen und mit dem Sachverstand eines Biographen begleitet hat, was Reich-Ranicki selbst nicht lesen möchte: das Drehbuch, an dem lange herumgefeilt wurde.

„Ganz hervorragend“ beteuert der Mann. Der Drehbuchautor Michael Gutmann habe sogar einen interessanten dramaturgischen Kniff für den Neunzig-Minuten-Film gefunden. Aber mehr dürfe er leider nicht verraten. Mehr ist tatsächlich aus ihm nicht herauszubringen. Auch beim anschließenden Essen nicht.

5,2 Millionen Euro soll der Film kosten, in dreißig Drehtagen im Kasten sein. Viele Szenen wird das Team im Kölner Umland drehen, schon der Filmförderung NRW wegen; sie allein trägt mit rund einer Million Euro zu dem Projekt bei. Gedreht aber wird auch in Polen, Ende Juli. Die Verfilmung der Reich-Ranicki-Autobiographie „Mein Leben“ sei ein europäisches Projekt, sagen die Produzenten.

Die Kameras und Mikrofone werden ausgeschaltet. Matthias Schweighöfer steht auf. Jetzt kommt es wohl auf ihn an, scheint er zu denken, als sie in Köln nacheinander begeistert gesprochen haben: die Produzentin Katharina Trebitsch und die WDR-Intendantin Monika Piel, die Filmstiftung, die Redakteure, der Regisseur. Am Tisch von Marcel Reich-Ranicki ist es schnell eng geworden. Schweighöfer, der eben noch als „Roter Baron“ im Kino zu sehen war, geht zu Reich-Ranicki hinüber. Er kniet sich neben seinem Stuhl hin. Und sie reden lange, die Köpfe ganz eng beieinander, jeder hochinteressiert an seinem Gegenüber. Es muss ein merkwürdiger Moment sein, sich selbst gegenüber zu stehen.

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