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Internetkriminalität : Drogen frei Haus, Panzer für Selbstabholer

  • -Aktualisiert am

Ein paar Unterstützer machen die Überhöhung des Angeklagten Ross Ulbricht mit: Vor dem Gericht in New York posiert ein Fan mit Lichtschwert Bild: AFP

Ist das der Prozess, der über die Zukunft des Internets entscheidet? In New York steht ein Mann vor Gericht, der Mafia-Geschäfte auf der Plattform „Silk Road“ betrieben haben soll. Er sagt: Ich handelte im Namen der Freiheit.

          Es ist der Nachmittag des 1. Oktober 2013. Ross Ulbricht setzt sich an seinen Lieblingsplatz, um zu chatten. In die Glen Park Branch Library in San Francisco verzieht er sich, in die Abteilung mit Science-Fiction-Literatur. Er klappt seinen Laptop auf. Um acht Minuten nach drei geht er online. Unter dem Namen „Dread Pirate Roberts“ meldet er sich an. Sein Gesprächspartner meldet sich mit Alias „Cirrus“. Die beiden haben Geschäftliches miteinander zu regeln. Dread Pirate Roberts will wissen, ob Cirrus ein paar Nachrichten für ihn durchsehen kann.

          Und ob er schon mit der Internetwährung Bitcoin gehandelt hat. Ja schon, aber diese Meldepflichten, die seien schon lästig, antwortet Cirrus. „Verdammte Regulierer, was?“, sagt der Pirate. „Lol, yep“, meint Cirrus. Es ist jetzt vierzehn Minuten nach drei. Viel zu lachen hat Dread Pirate Roberts nun nicht mehr. Er wird in der Bibliothek, mitten im Chat mit Cirrus, vom FBI festgenommen. Niemand anderes als er soll das Mastermind hinter „Silk Road“ sein, dem berüchtigten Online-Handelsplatz für Drogen, Waffen und Menschen, Treffpunkt von Kinderschändern und Terroristen. In diesem Augenblick wird „Silk Road“ stillgelegt.

          Dread Pirate Roberts heißt mit bürgerlichem Namen Ross Ulbricht. Seit dieser Woche steht er in New York vor Gericht. Die Anklage wirft ihm Drogenhandel und Geldwäsche vor, die Bildung einer kriminellen Vereinigung, Anleitung zum Computerhacking und - Anstiftung zu Mord in sechs Fällen. Zu den Tötungsdelikten soll es nicht gekommen sein, doch reicht die Anklage auch so, um den dreißig Jahre alten Ross lebenslänglich hinter Gitter zu bringen.

          Die Schätzungen, wie viel Geld auf Silk Road im Laufe von knapp zwei Jahren im Spiel war, variieren zwischen zweihundert Millionen und 1,2 Milliarden Dollar, die bei kriminellen Geschäften umgesetzt worden sein sollen. Ross Ulbricht, so die Anklage, habe achtzehn Millionen Dollar für sich eingestrichen (F.A.Z. vom 15. Januar).

          Sieht so der freie Handel im Netz aus? Das Angebot war berauschend

          Cirrus, der andere Mann aus dem Chat in der Glen Park Branch Library, sitzt bei dem Prozess auf der anderen Seite. Mit Klarnamen heißt er Jared Der-Yeghiayan und ist Agent der amerikanischen Homeland Security. Als solcher ermittelt er undercover im Netz. Einige Zeit nach dem Start von „Silk Road“, das im sogenannten Dark Net operierte und über die Server des Tor-Netzwerks lief, sah er sich dort um. Er gab vor, illegale Geschäfte zu tätigen, und arbeitete sich ins Silk-Road-Netzwerk vor. Er verschaffte sich die Zugangsdaten eines Administrators. Als „Cirrus“ zählte er bei Silk Road zum innersten Kreis, der zehn Personen umfasst haben soll. Ross Ulbricht soll der Chef, der Kingpin, der Mafiaboss gewesen sein.

          Nicht Ulbricht, sondern die Freiheit im Netz steht vor Gericht

          Seine Verteidiger sehen das selbstverständlich ganz anders. Nicht Strippenzieher, sondern ahnungsloser Programmierer und Helfershelfer sei er gewesen, der, als ihm die ganze Geschichte über den Kopf wuchs, „Silk Road“ in andere Hände gab. An Hintermänner, die keiner kennt. Ross Ulbricht, der Unbescholtene - an diesem Porträt wird auch im Netz gezeichnet: Bei LinkedIn stellt sich der studierte Physiker als Investitionsberater und Entrepreneur vor. Ein unscheinbarer Typ der Marke naturverbundener Nerd, ein Pfadfinder, von dem es im Netz Wanderfotos und harmlose Aufnahmen auf Teenie-Parties gibt.

          Auch die Beweismittel halten Ulbrichts Anwälte für fragwürdig. Die gespeicherten Chats, die Dateien, die Vorgänge bei „Silk Road“ dokumentieren sollen, könnten samt uns sonders ein „Fake“ sein - vom FBI zusammengestellt und aufgetürmt, um einen Superverbrecher zu präsentieren, der Ulbricht nicht sei. Die von der Polizei beigebrachten Beweise hat das Gericht allerdings schon akzeptiert. Frischer kann man ja auch kaum auf der Tat ertappt werden als der gerade unter seinem Silk-Road-Anführernamen chattende Ulbricht.

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