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Internetkriminalität : Drogen frei Haus, Panzer für Selbstabholer

  • -Aktualisiert am

„Silk Road“ - das ist zunächst eine Mafiageschichte 2.0, mit allem, was dazugehört. Doch es ist noch mehr. Für manche Verfechter des freien Internets, auf das Staaten keinen Zugriff haben dürfen, stehen bei dem Prozess in New York die Freiheit im Netz und das Recht auf Anonymität auf dem Spiel. Es gehe um den 4. Zusatzartikel der Verfassung, heißt es auf der Unterstützer-Website, die für Ross Ulbricht im Netz eingerichtet worden ist - also um den Schutz vor willkürlicher Machtausübung des Staates - vor Durchsuchung, Festnahme oder Beschlagnahme.

Ulbrichts Unterstützer meinen, er habe eine Art Anarcho-Ebay betrieben: Er habe nur einen Marktplatz eröffnet, was dort gehandelt worden sei, sei nicht seine Sache gewesen. Es sei sein Traum, schrieb Dread Pirate Roberts, allen im Netz die Freiheit zu geben, die sie suchen - solange sie nicht anderen schaden. An dieses Glaubensbekenntnis hat sich nach Darstellung der Behörden allerdings bei „Silk Road“ kaum jemand gehalten - Drogen waren dort en masse im Angebot, portioniert und am Stück, geliefert wurde per Post. Sogar einen Panzer gab es - den aber nur für Selbstabholer.

Tor: Sender, Empfänger und Netzwerkbetreiber sind anonym

Das werde der Internet-Prozess des Jahrhunderts, heißt es. An dessen Ende werde man wissen, ob Anonymität im Netz weiterhin möglich und rechtlich geschützt sei oder der Staat Zugriff auf alles und jeden habe. Das sollte ja gerade der Witz bei dem Servernetzwerk Tor sein. Tor ist das Akronym von „The Onion Router“, wie die Zwiebel, die man schälen und schälen kann, nur um auf die nächste Schicht zu stoßen und am Ende auf gar nichts. Bei Tor bleiben Sender, Empfänger und Netzwerkbetreiber anonym. Das herrschaftsfreie Netz kann im Guten wie im Schlechten genutzt werden - als Plattform, um mit kompromittierenden Informationen und Dokumenten gegen Diktatoren und Verbrecher vorzugehen, ebenso aber von diesen selbst.

An philosophischer Chuzpe mangelt es dem Silk-Road-Macher Ulbricht bei alldem nicht. Folgt man seinen Worten, ist das Netzwerk Tor durch seinen Handelsplatz erst so richtig nobilitiert worden. Schritt für Schritt werde der Staat zurückgedrängt. Und die Macht werde dem Individuum zurückgegeben, sagte Ulbricht im Gespräch mit dem Magazin „Wired“: „Ich glaube nicht, dass jemand die Größe der Revolution begreift, die wir gerade erleben. Ich denke, im Rückblick wird dies einmal als neue Epoche in der Geschichte der Menschheit angesehen werden.“

Die Web-Anarchisten, die Ulbricht bei diesem Trip folgen, fürchten den Big-Data-Big-Brother-Staat. Die Befürchtung, dass die vermeintliche Herrschaftsfreiheit gerade erst zu Machtmissbrauch führt und sich das Recht des Stärkeren, Gesetzloseren, Brutaleren durchsetzt, hegen sie offenbar nicht. Und wohl auch nicht, dass Ross Ulbricht vielleicht als Freiheitsheld nicht taugt, sondern es sich bei ihm um einen ganz gewöhnlichen Kriminellen mit außergewöhnlichem Anspruch handeln könnte.

Woher hat das FBI die Informationen?

Wobei inzwischen sogar in Frage steht, ob es die Plattform der großen Freiheit, als die sich Tor versteht, jemals gegeben hat. Es weiß nämlich niemand, wie das FBI zu den angeblich unauffindbaren Tor-Servern vorgestoßen ist. Gab es Informanten oder Sicherheitslücken, hat die Anonymisierung bei der Bezahlung mit der Internetwährung Bitcoin (die zu Beginn des Silk-Roads-Prozesses mächtig abgestürzt ist) versagt, wurde das Netzwerk geknackt, oder lesen NSA, CIA und FBI von Beginn an mit?

Wenige Tage nach der Verhaftung von Ross Ulbricht und dem Ende von „Silk Road“ ging „Silk Road 2.0“ online. Doch auch dieser Markt blieb nicht lange offen. Als nächster Großhehler wurde im vergangenen November der sechsundzwanzig Jahre alte Programmierer Blake Benthall von der Polizei festgenommen, der sich „Defcon“ nannte - Defcon wie der Hackertreff, Defcon wie das Computerspiel, Defcon wie die Verteidigungsbereitschaft der amerikanischen Armee. „Dread Pirate Roberts“ ist eine Figur aus dem Roman „The Princess Bride“ von William Goldman, hinter der sich mehrere Personen verbergen. Ob es im Prozess gegen Ross Ulbricht also doch noch eine Überraschung gibt?

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