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Managerschelte bei „Anne Will“ : Als der Gewerkschafterin das Grinsen verging

Auch er hatte bei „Anne Will” etwas richtig zu stellen: Saarlands Ministerpräsident Peter Müller Bild: dpa

Anne Will hat sich für ihre falschen Zahlen zum Schuldenstand von Berlin entschuldigt. Und danach eine ordentliche Sendung hingelegt, in der die Manager-Schelte auch die Gewerkschaften erreichte. Von Friedbert Pflüger sprach niemand.

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          An diesem Sonntag waren die ersten zwei Minuten der Talkshow von Anne Will die spannendsten. Oder zumindest waren sie mit Spannung erwartet worden. Denn zu Beginn, hatte es geheißen, werde sie sich für den sachlichen Fehler in der vorhergehenden Sendung entschuldigen. Und so war es auch. Man habe den Schuldenstand von Berlin „fehlerhaft dargestellt“, sagte Anne Will. Nicht bei sechzig, sondern bei knapp vierzig Milliarden Euro habe er zu Zeiten der großen Koalition gelegen und bei rund sechzig Milliarden liege er jetzt, da Rot-Rot regiert. „Wir bedauern diesen Fehler“, sagte Anne Will, und man habe dies gerne klarstellen wollen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So gerne hat die Redaktion von Anne Will das natürlich nicht getan. Nachdem der Berliner CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger ob des Zahlendrehers die unziemliche und absurde Forderung gestellt hatte, die Talkshow müsse abgesetzt werden, hatte das Produktionsteam zunächst eine Mitteilung herausgegeben, in der von einem „Missverständnis“ die Rede war. Man verhielt sich also genau so, wie wir es sonst von Politikern gewohnt sind. Die, das sollte man auch einmal sagen, durch Schaumschlägerei wie Pflüger sie betreibt, davon ablenken, dass der Schuldenstand von Berlin ein Skandal an sich ist, unter Schwarz-Rot wie unter Rot-Rot. Doch es ist ja auch leichter, eine Fernsehsendung anzugreifen als eine nachhaltige Politik zu gestalten, die nicht schon heute die Zukunft der nächsten Generationen ruiniert.

          Das Ende der Pflüger-macht-Wind-Woche

          Die Anwälte von Friedbert Pflüger hatten unter der Woche übrigens noch versucht, eine Gegendarstellung zu Anne Wills Zahlen vom vorvergangenen Sonntag zu erwirken, waren damit aber einstweilen gescheitert. Beim Norddeutschen Rundfunk wiederum, der die Talkshow von Anne Will produziert, war die Erkenntnis gereift, dass es am besten wäre, sich selbst zu erklären, die Sache richtig zu stellen, sich zu entschuldigen und dann weiter im Programm zu machen.

          So also geschah es, die Pflüger-macht-Wind-Woche endete an diesem Sonntag, 8. Juni, 22.46 Uhr, zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die überwältigende Mehrheit der Deutschen und der Fernsehzuschauer für etwas ganz anderes interessierte - das Fußballspiel gegen Polen, das schließlich mit dem ersten Sieg einer deutschen Mannschaft bei einer EM seit zwölf Jahren endete.

          Auch der Nachfolger im Amt dominiert die Runde

          Die Millionen Zuschauer, die sich das ansahen, hatten das Wichtige im Auge, verpassten aber eine Ausgabe der Talkshow von Anne Will, die gar nicht so schlecht war. Es ging um die Frage, ob angesichts der Spitzel-Affäre bei der Telekom und anderer skandalträchtiger Unternehmensgeschichten nicht die deutsche Wirtschaft, ja sogar das gesamte System der sozialen Marktwirtschaft in Grund und Boden geredet werde. Dazu wusste vor allem der saarländische Ministerpräsident Peter Müller etwas zu sagen.

          Er dominierte die Runde ähnlich wie es in der Woche zuvor sein Amtsvorgänger von der Linkspartei, Oskar Lafontaine, getan hatte. Das fing damit an, dass auch er eine Richtigstellung loswerden musste: Die Bundeskanzlerin Angela Merkel war nicht, wie Lafontaine es behauptet hatte, in der SED und sie hat auch nicht in Moskau studiert. Beides hatte Lafontaine in Demagogenmanier in die Runde geprustet, sich im Lauf der Woche aber selbst korrigiert.

          Einen wie Kannegiesser könnte man häufiger einladen

          Kollege Müller nun legte Wert darauf, zwischen guten Unternehmern, die verantwortungsvolle handeln, und schlechten Managern, die nur raffen und schnell weiterziehen, zu unterscheiden, und forderte höhere Strafen für Steuerhinterzieher. Das blieb weitgehend ohne Widerspruch, auch bei der Gewerkschafterin und SPD-Politikerin Ursula Engelen-Kefer, von der wir aus dieser Sendung vor allem ein seltsames Grinsen in Erinnerung behalten, das die Kamera für die Zwischenschnitte auffing, während die anderen Diskussionsteilnehmer etwas sagten. Das Grinsen verging Ursula Engelen-Kefer allerdings, als die Redaktion von Anne Will einen kleinen Film einspielte, der von den jüngsten Eskapaden einiger Gewerkschaftsbosse handelte.

          Als Vertreter der Unternehmer sollte Anne Will indes häufiger jemanden wie Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, einladen, der ganz unaufgeregt auf das skandalöse Verhalten einiger Manager einging und auch nicht so tat, als ob es da nichts zu kritisieren gebe, zugleich aber zu vermitteln wusste, was die Stärke der deutschen Wirtschaft und der sozialen Marktwirtschaft nach wie vor ausmacht. Ach ja, Helmut Thoma, der ehemalige RTL-Chef, war ebenfalls zugegen und machte eine für seine Verhältnisse ganz gute Figur, fiel also nicht besonders auf.

          Ein ganz normaler Sonntagabend mit Anne Will also, von dem im Ohr bleiben wird, dass der CDU-Ministerpräsident Peter Müller auf den Fortbestand der großen Koalition in Berlin nicht mehr viel gibt. Wobei, wenn man sich seine Formulierung genau ansieht, sie weich genug ist, um sich bei Bedarf aus der Affäre zu ziehen. Sprach er doch davon, dass man sich angesichts fehlender Lösungen für etliche Probleme fragen müsse, ob „diese Veranstaltung noch lange Sinn macht.“ Das fragen sich bestimmt viele in diesem Land.

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