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Die zweite Staffel von „Dark“ : Man nennt es Uhrigami

  • -Aktualisiert am

Kein Problem mit Pünktlichkeit: Jonas Kahnwald (Louis Hoffmann) Bild: Netflix

Zeitparadoxien, Kausalitätsumkehrungen, Zeitschleifen, Gottes Plan und Teufels Absicht, Uhren im Besonderen und Zeitmesser im Allgemeinen: In der 2. Staffel der Netflix-Serie „Dark“ wird die Zeit gefaltet bis es quietscht.

          Das Jahr 2017. Es begab sich aber zu der Zeit ein Paradigmenwechsel. Denn was kaum noch einer für möglich gehalten hätte, wurde wirklich und gleichzeitig historisch: Eine deutsche Serie kam in die Welt, die den Vergleich mit großen ausländischen Produktionen nicht scheuen musste. Mit „Dark“, einer konzentrationsfordernden Mystery-Serie um verschwundene Kinder und Erwachsene in der Kleinstadt Winden, die auf verschiedenen Zeitebenen den Zerfall mehrerer Mittelstandsfamilien und die Vorgänge im nahe gelegenen Atomkraftwerk kurz vor der Schließung erzählt, erschien die erste deutsche Netflix-Produktion.

          Auch wenn einiges an „Stranger Things“ erinnerte, war der Jubel gewaltig. 2018 bekam die Serie den ersten Grimme-Preis für Netflix. Den Schöpfern Jantje Friese und Baran bo Odar sprach man in der Branche für den Moment Messias-Fähigkeiten zu, was insoweit passte, als es auch in der Serie selbst um einen womöglich auserwählten Jugendlichen geht, der einer Weltrettungsmission folgt. Neben dem allgemeinen Beduseltsein hörte man jedoch auch Stimmen, denen die überverwickelte Erzählweise, Logikfehler in Schwarze-Loch-Größe und vor allem die sinnenbetäubenden Synthiesounds in jeder Bedrohungsszene gewaltig auf den Zeiger gingen. In punkto Production Design (Udo Kramer) allerdings setzte „Dark“ hierzulande Maßstäbe – zusammen mit der Serie „Babylon Berlin“.

          Mütter schließen Söhne in die Arme, die gleichaltrig sind

          Nun geht „Dark“ in die Verlängerung. Die zweite Staffel enthüllt sich als Mittelteil einer Trilogie, zu der sich „Dark“ fügen soll. Während die vorherigen Folgen auf vier Zeitebenen spielten, 1953, 1986, 2019 und in der postapokalyptischen Welt des Jahres 2052, führt das Mittelstück zusätzlich ins Jahr 1921 und zu den scheinbaren Anfängen der Geheimloge „Sic Mundus Creatus Est“, einer Art Wilhelm Meister-Turmgesellschaft. Wieder versucht Jonas Kahnwald (Louis Hofmann), bisher zu erkennen am signifikanten gelben Regenmantel, die Vorgänge zu stoppen, die allem Anschein nach zur Katastrophe führten.

          Sechs Monate, heißt es, sind seit dem ersten „Zyklus“ vergangen. Mit Zeitreise-Maschinen bewaffnet, tauchen etliche Mit- und Gegenspieler mal gealtert, mal verjüngt wieder auf und überzeugen bisher ahnungslose Mitglieder der beteiligten Familien Doppler, Tiedemann, Kahnwald und Nielsen, dass, je nach aktuellem Sprung, die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft apokalypseabwehrend zu manipulieren sei. Mütter schließen Söhne in die Arme, die gleichaltrig sind oder älter als sie selbst, verschwundene Kinder tauchen auf, Menschen begegnen ihrem anderen Ich, der ominöse Priester Noah (Mark Waschke) hinterlässt eine blutige Spur. Im Hintergrund stößt dazu der Atommeiler bedeutungsschwanger Kühlwasserwolken in den Himmel. Es ist vorwiegend Sommer.

          Über Zeitparadoxien, Kausalitätsumkehrungen, Zeitschleifen, die mögliche Gleichzeitigkeit allen Geschehens, Gottes Plan und Teufels Absicht, Schicksal und freien Willen, den „Krieg Gut gegen Böse“, den Ursprung der Zeit, Uhren im Besonderen und Zeitmesser im Allgemeinen, einfache und höhere Physik wird bei Gelegenheit in dieser Staffel so ausdauernd schwadroniert, dass denkende Liebhaber echter Science-Fiction sich mit Grauen abwenden.

          Wer das Mitdenken beiseite lässt und die wie zerschnipselte, in die Luft geworfene und zufällig zusammengesetzte Kausalassoziationskette der Serie in tausendundeinerlei geheimnisumwitterter Wendung ohne hemmenden Fragezeichendrang folgt, sieht in „Dark“ eine übersinnliche Coming-of-Age-Geschichte mit detailhistoriengetreu verorteten Settings und einige wahrhaftig gespielte Familienbeziehungen. Darsteller wie Louis Hofmann, Oliver Masucci, Jördis Triebel, Maja Schöne oder Lisa Vicari, um nur einige zu nennen, verleihen dem zeitphysikalisch-philosophischen Quark von „Dark“ einen gewissen Ernsthaftigkeitsanstrich. Einmal aufgedeckt, mag das Geheimnis von „Dark“ allerdings genau so viel Halbwertzeit haben, wie das über-überschwengliche Lob der Beobachter im letztjährigen Preiszyklus.“

          Die 2. Staffel von Dark ist bei Netflix abrufbar.

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